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Welche Verantwortung von Unternehmen braucht unsere Gesellschaft in Zukunft?

Artikel vom 29.11.2013

„Unternehmen sind sich zunehmend bewusst, dass sie heute und in Zukunft nach ihrem Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung und ihrer Verantwortung gegenüber den hier relevanten Stakeholdern bewertet werden.“ Eindrücke aus einem Workshop der Schader-Stiftung mit Prof. Dr. Wolfgang Stark (Essen).

These 1: Unternehmensverantwortung ist strategisch kaum verankert: sie wird kurzfristig bewertet, muss aber langfristig gedacht werden

Unternehmen sind sich zunehmend bewusst, dass sie heute und in Zukunft nach ihrem Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung und ihrer Verantwortung gegenüber den hier relevanten Stakeholdern bewertet werden. Sie reagieren mit vielfältigen Projekten sowie Unterstützung durch Sach- und Geldmittel. Unternehmensverantwortung existiert jedoch strategisch gesehen bislang lediglich als Idee mit zahlreichen, thematisch und organisatorisch weitgehend unverbundenen Umsetzungsbeispielen. Obwohl das Ziel und die Notwendigkeit einer ethisch reflektierten, werteorientierten Unternehmensführung als gesellschaftspolitisch entscheidend für den mittel- bis langfristigen Unternehmenserfolg betrachtet werden kann, sind systemorientierte Instrumentarien und eine systematische Erfassung von Erfolgsmustern jenseits einzelner Best Practice-Beispiele kaum entwickelt. Das liegt im Wesentlichen daran, dass die kurzfristigen Maßstäbe, nach denen Unternehmen durch die Politik und das Finanzsystem bewertet werden, die eher langfristige Logik gesellschaftlicher Verantwortung kaum bedienen.

These 2: Unternehmensverantwortung muss das gesamte Bild in den Blick nehmen und eine Politik des Krisenmanagements überwinden

Das Verantwortungsprinzip in einer globalisierten Gesellschaft muss alle Akteure gesellschaftlicher Verantwortung in den Blick nehmen. Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen bestimmt daher die Beziehung neu:

  • zu den Produkten und Dienstleistungen, zu deren sozial und ökologisch verträglicher Produktion ebenso wie deren Rolle und Bedeutung für das Gemeinwohl,
  • zu den Bürgern, die – nicht nur als Konsumenten betrachtet – ihre Rolle und Gestaltungsmöglichkeiten in einer "marktwirtschaftlich geprägten Zivilgesellschaft" erkennen müssen, sowie
  • zu den öffentlichen und/oder politischen Institutionen, die aktiv eine Balance zwischen Deregulierung und Regulierung herstellen müssen.

These 3: Unternehmensverantwortung: vom Nullsummenspiel zur Koproduktion von Gemeinwohl

Während immer mehr Unternehmen ihre soziale Verantwortung teilweise praktizieren oder sich zumindest diesem Thema annähern, machen Lobbyisten und Funktionäre daraus eine Politik zwischen Deregulierung und Einführung neuer Regeln: Unternehmerverbände verlangen steuerliche und arbeitsmarktpolitische Zugeständnisse als Voraussetzung dafür, diesem Thema den Stellenwert einzuräumen, den er etwa in England, USA, Kanada und Asien schon längst hat. Gewerkschaften sehen die historische Chance, Forderungen nach Mitbestimmung und Arbeitnehmerrechten neu zu verpacken. Die Parteipolitik macht daraus eine Grundsatzdebatte, die vor allem durch ihre Ferne zur Praxis besticht. Letztlich werden deregulierte Verhältnisse mit CSR-Projekten überschminkt; die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen bleibt dabei auf der Strecke.

Erst in jüngerer Zeit wird Corporate Social Responsibility (CSR) und Corporate Citizenship (CC) nicht nur als „business case“, sondern auch als „society case“ diskutiert. Die Unternehmensstrategie trägt damit nicht nur den Erwartungen von Anteilseignern und Anlegern, sondern auch dem Gemeinwohl und tatsächlichen und potentiellen Kunden Rechnung. 

These 4: Unternehmensverantwortung im Widerspruch: jenseits von Legitimation und Kontrolle

Die aktuelle gesellschaftswissenschaftliche und praktische Debatte um die soziale Verantwortung von Unternehmen beschränkt sich selbst auf legitimatorische oder marketingbezogene Fragen: Der weit überwiegende Teil der bisherigen Berichte und Arbeiten konzentriert sich auf Fragen, weshalb CSR/CC für heutige Unternehmen wichtig ist oder sein sollte (Legitimation), wie sehr oder wie wenig CSR/CC in verschiedenen Ländern, Regionen, Branchen verbreitet ist (Bestandsaufnahme; Best Practice), oder wie die CSR/CC-Aktivitäten und -Erfahrungen am besten aktuelle oder potentielle Kundengruppen anziehen und in entsprechenden Berichten zur Nachhaltigkeit oder „social responsibility“ dargestellt werden („accountability“).

Die Rede von gesellschaftlicher Verantwortung wird zudem in den letzten Jahren immer häufiger korrumpiert: Im globalisierten Wettbewerb stehen stolz dargestellte vereinzelte Engagementprojekte nicht selten bruchlos neben deregulierten und nicht-akzeptablen Arbeitsverhältnissen oder Umweltsünden oder etwa neben der gezielten Umgehung des Werbeverbots in Schulen und Kindergärten.

These 5: Gesellschaftlich verantwortliche Unternehmen sind bereit zur Kooperation und Koproduktion auf Augenhöhe

Das Potential einer zivilgesellschaftlich gestaltenden gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen ist kaum erkannt und noch weniger ausgeschöpft: bisherige CC-Aktivitäten kratzen gerade mal an der Oberfläche neuer Geschäfts- und Entwicklungsmöglichkeiten, bei denen die kapitalistische Marktwirtschaft nicht nur als soziales Nullsummenspiel begriffen wird, bei dem es nur „Sieger oder Verlierer“ gibt. Gesellschaftliche und soziale Interessen (Gemeinwohl) und erfolgreiche Geschäfte (Gewinn) sind unter dem Blickwinkel nicht unvereinbar, sondern können sich gegenseitig stützen und fördern, wenn die Bereitschaft wächst, dass alle Akteure das Gesamtbild in den Blick nehmen und auf Augenhöhe agieren.

Unternehmensverantwortung kann langfristig nur als soziales gesellschaftliches Projekt oder Systemaufgabe begriffen werden. Dazu müssen sich die jeweiligen Systeme öffnen. Dies ist aber gerade hinsichtlich strategischer Neuausrichtungen die höchste Herausforderung.

These 6: Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen als Entwicklung von Unternehmenskultur

Soziale Verantwortung von Unternehmen und soziales Engagement von Management und Mitarbeiterschaft muss mehr sein als ein „business case“ im Sinne traditionellen strategischen Managements; diese Haltung der Verantwortung nicht nur gegenüber den Shareholdern, sondern auch gegenüber Gesellschaft und Umwelt gehört in die Kultur des Unternehmens. Daher

  • werden Qualitätskriterien für CC/CSR benötigt, die einer werteorientierten Analyse der Unternehmenskultur und der Ermöglichung eines Benchmarkings dienlich sind und die gesellschaftliche Verantwortung von CSR-Aktivitäten selbst sicherstellen,
  • ist die Analyse der Erfolgsmuster kooperativer Ansätze und Projekte, die gesellschaftliche Herausforderungen regional und überregional angehen, zentral,
  • sind Steuerungsinstrumentarien für den Bereich der Unternehmenskultur und der regionalen Engagementkultur zu entwickeln, die die erforderlichen Lernprozesse in und zwischen Unternehmen gemeinsam mit den Akteuren aus der Region anregen und Innovationen auf der Basis differenzierter sozialer und ökologischer Schlüsselqualifikationen bei Mitarbeitern und Führungskräften ermöglichen,
  • werden regionale und überregionale Netzwerke verschiedener Akteure und eine funktionierende „network governance“ entscheidend sein für eine innovative und nachhaltige Unternehmensstrategie mit gesellschaftlicher Verantwortung.

These 7: Herausforderung Unternehmens- und Engagementkultur

Unternehmensverantwortung kann als Katalysator für organisatorische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse dienen: Sie kann sowohl interne Strukturen und Unternehmenskulturen als auch regionale Engagementkulturen gestalten, ohne sie vorher zu determinieren.

Wird soziale Verantwortung nur in den Führungsetagen diskutiert oder gar „von oben“ verordnet, so hat CSR/CC nur wenig Innovationspotential und bleibt auf der legitimatorischen Ebene hängen. Beteiligung, Lernen und Innovation ist Ergebnis der Schaffung einer entsprechenden Unternehmenskultur: Durch den Einbezug möglichst vieler Mitarbeiter können Lernprozesse vor allem im Bereich der zukünftig bedeutsamen sozialen Kompetenzen angestoßen werden.

Innovationsförderliche Entscheidungsprozesse in Organisationen brauchen die Sicherheit und Stabilität von „shared values“ / „shared knowledge“ ebenso wie die spielerische Instabilität der Improvisation und des Experiments.

Die Entwicklung einer Engagement- und Verantwortungskultur sollte bereits in den Ausbildungsinstitutionen (Hochschulen) beginnen und praktisch erfahrbar sein. Die vom Hochschulnetzwerk „Bildung durch Verantwortung“ formulierten Grundsätze der gesellschaftlichen Verantwortung von Hochschulen führen zu praxisorientierten Lehrformaten wie „Service Learning“ und der Entwicklung von sozialen Innovationen bereits an der Hochschule.

These 8: Corporate Social Innovation als Koproduktion und gegenseitiges Lernen

Wirklich interessant wird der Verantwortungsdiskurs für die Unternehmens- und Gesellschaftsentwicklung jedoch erst dann, wenn sich darüber auch neue Ideen, Geschäftsmodelle oder Managementformen entwickeln lassen. Gesellschaftliche Verantwortung kann mehr sein als Wohltätigkeit oder ein klassischer „business case“, wenn Unternehmen und soziale Institutionen gemeinsam den Schritt von der sozialen Verantwortung von Unternehmen zur Koproduktion im Sinne von „corporate social innovation“ (CSI) und Social Entrepreneurship wagen. Erfolgreiches CSI erfordert dann jedoch die Risiko- und Veränderungsbereitschaft aller Akteure.

Bericht aus dem Workshop (Dr. Kirsten Mensch)

Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen
Die Stichworte „Corporate Social Responsibilty“ und „Corporate Citizenship“ fallen in den letzten Jahren vermehrt sowohl in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften als auch in Unternehmens- und Managementkreisen. Die Stichworte suggerieren eine gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, die sich sowohl darauf beziehen kann, auf welche Art und Weise die Unternehmen Gewinne erzielen, als auch darauf, ob und wie Unternehmen Gewinne für gemeinwohlfördernde Projekte etwa am Unternehmenssitz verwenden. Die Frage, welche Unternehmensverantwortung unsere Gesellschaft in Zukunft braucht, erscheint in der Diskussion im Workshop umso relevanter, nachdem Meinhard Miegel im morgendlichen Keynote-Vortrag eine andere Art des Wirtschaftens anmahnte, nämlich eine, die nicht auf grenzenlose Maximierung von Produkten und Gewinnen setzt, sondern nachhaltigen Wohlstand ermöglicht, ohne die ökologischen Tragfähigkeitsgrenzen der Erde zu überschreiten.

Kurzfristige Gewinnorientierung gegen langfristiges Verantwortungsdenken
Unternehmensverantwortung muss eigentlich langfristig gedacht werden, wird aber kurzfristig bewertet. So lautet eine der Thesen des Impulsgebers. In drastischen Worten bestätigt dies ein Teilnehmer der Runde, der langjährige Erfahrungen als Unternehmer und Vorstand aufweist: Die Unternehmen unterliegen, ihm zufolge, zu häufig einer „völlig überzogenen, auf kurzfristige Ökonomisierung ausgerichteten Unternehmensführung amerikanischen Stils“. Das lässt die Forderung nach der Zunahme einer gelebten, mit Taten unterfütterten Unternehmensverantwortung unrealistisch wirken. Die Frage steht im Raum: Kann es ein „Zurück“ zum „guten Unternehmertum“ geben, wie es in den familiengeprägten Unternehmensstrukturen früher häufig vorkam? In kleineren Betrieben, etwa einer Handwerkerfirma mit 15 Mitarbeitern, findet sich das gewünschte „gute Unternehmertum“ auch noch heute, lautet eine Antwort aus der Runde.

Zugleich wird konstatiert, dass früher auch große Unternehmen familiäre Strukturen aufwiesen. In den 1960er und 1970er Jahren, so zeigt sich in einem kurzen Bericht über ein großes Traditionsunternehmen, verhielt sich die Firmenspitze gemeinwohlverträglich sowohl gegenüber den eigenen Mitarbeitern, als auch in ihren gesellschaftlichen Aktivitäten außerhalb des Betriebs. Mit den 1980er Jahren trat eine Änderung ein. Einerseits suchte die Belegschaft nicht mehr nach gemeinsamen geselligen Anlässen, andererseits strich die Führungsebene aufgrund finanzieller Erwägungen nach und nach soziale Aktionen des Unternehmens.

Zwei Gründe für diese Veränderung lassen sich erschließen:

  • eine gesellschaftliche Entwicklung, die die Beschäftigten nicht mehr im Verbund mit Kollegen, sondern außerhalb der Arbeitszusammenhänge nach Erfüllung suchen lässt,
  • das Anwachsen einer „Ideologie“ an den Universitäten, die die Gemeinwohlverträglichkeit des Unternehmens mit jedem Jahrgang, der von den Universitäten in das Unternehmen eintrat, mehr und mehr zerstörte.

Die Unternehmenskultur änderte sich somit tiefgreifend. 

Die Rolle der Bildung
Die Rolle der Hochschulen wird in mehreren Beiträgen in der Diskussionsrunde hervorgehoben. Sie sind es, die die künftige Führungsriege der Unternehmen ausbilden und damit eine Mitverantwortung tragen. Sie sollten statt einer, in der Runde als Ideologie gebrandmarkten, allein auf kurzfristige Gewinne orientierten Betriebswirtschaftslehre einen Ansatz lehren, der die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen beherzigt. Nicht nur die Manager, auch die Beschäftigten unterhalb der Führungsetage der Unternehmen müssen in den Blick genommen werden. Aus einem Wohnungsunternehmen mit mehreren hundert Beschäftigten berichtet ein Teilnehmer, wie schwer es dem dortigen Personal zu vermitteln ist, kundenfreundliche, längere Öffnungszeiten anzubieten – obwohl der Vorteil für die eigene Kundschaft auf der Hand liegt. Wie soll es dann mit Themen gehen, die weiter entfernt von dem Erfahrungsfeld der Mitarbeiter liegen als die eigenen Kunden? Sind diese den eigenen Mitarbeitern vermittelbar? 

Hier lässt sich das Stichwort „Bildungsverantwortung von Unternehmen“ anschließen. Noch liegen zu wenig Forschungsergebnisse vor, um zu beurteilen, inwieweit Unternehmen Bildungsverantwortung sehen und umsetzen. Die Weiterbildungsakademien großer Unternehmen, so eine Einschätzung, weisen eine gute Qualität auf, die durchaus über der von Einrichtungen außerhalb der Unternehmen liegt. Allerdings, lässt ein Einwurf verlauten, sollte man auch die Kehrseite von „In-House-Seminaren“ sehen: Sie verhindern den wünschenswerten gesellschaftlichen Dialog, weil man dabei nur unter seinesgleichen lernt.

Wirkungen von Nachhaltigkeitsberichten und Zertifizierungen
Die Runde ist sich uneins über die Rolle von Nachhaltigkeitsberichten. Diese formulieren oftmals auf Hochglanzseiten die ökologischen und sozialen Errungenschaften eines Unternehmens. Ist das letztlich nur ein Marketinggag? Oder kann man der Gegenmeinung folgen, die eine Wirkung dieser Berichte auf die Unternehmensleitung aufzeigt: Wie eine „self fulfilling prophecy“ wirkt ein geschriebener Bericht bei der weiteren Führung des Betriebs. Wenn man sich rühmt, besonders sorgsam zum Beispiel im Umgang mit der Menge verbrauchten Wassers zu sein, entwickelt sich daraus leicht ein Anreiz, sich in diesem Bereich weiter zu verbessern. Ähnliches kann für Zertifizierungsprozesse gelten.

Gemäß einer skeptischen Prognose zur gesellschaftlichen Verantwortungsübernahme von Unternehmen führen Zertifizierungen und Berichte verstärkt dazu, dass sich die Corporate Social Responsibility auf berechenbare, monetär messbare Bereiche konzentriert, wie Umweltschutz und Ressourceneinsparung. Andere Felder hingegen fallen heraus. Um dies zu verhindern und die gesellschaftliche Verantwortungsübernahme von Unternehmen generell zu fördern, ist weitere politische Regulierung vonnöten.

Im Einzelnen fragt die anschließende Diskussion:

  • Wie lässt sich der gewünschte Prozess hin zu mehr gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme durch Unternehmen politisch fördern?
  • Wie ist dem scheinbaren Reflex von Wirtschaftsverbänden entgegenzuwirken, in jeder Änderung eine Gefahr für das freie Unternehmertum zu erahnen?
  • Wie kann man Branchen in die Pflicht nehmen, Standards für gutes Unternehmertum zu definieren?

Eine optimistischere Sicht dazu betont, dass Institutionen wie Nachhaltigkeitsberichte und weitere politisch gesetzte Anreizstrukturen die Abkehr vom Leitbild des ehrbaren Kaufmanns ein Stück weit zurückzudrängen vermögen. Offenkundig handelt es sich dabei um einen Prozess, der wie jeder Prozess Zeit braucht. Die Frage bleibt, ob dieser Wandel zurück zu einem gemeinwohl- und umweltverträglichen Wirtschaften schnell genug vonstattengehen wird: Die mahnenden Worte des Keynote-Speakers Professor Miegel klingen im Workshop noch nach.

Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Unternehmen
Die Debatte im Workshop spitzt sich auf die Frage zu: Muss die Gesellschaft Verantwortung für die Unternehmen übernehmen? Oder: Was muss die Gesellschaft für Unternehmen tun, damit Unternehmen etwas für die Gesellschaft tun?

Eine Antwort aus der Runde darauf fällt eindeutig aus: Der Wandel geht nur von unten. Gemeint sind die Bürgerinnen und Bürger, die Druck auf Unternehmen ausüben müssen, um die notwendige grundsätzliche Veränderung im unternehmerischen Selbstverständnis zu bewirken. Sonst bleibt es bei „netten Schulprojekten“, die durchaus ehrenhaft und gut sein mögen, aber an den ökonomischen Strukturen und Befangenheiten nichts ändern. Seitens der Politik, so die Fortführung dieses Gedankens, ist nicht viel zu erwarten. Der politische Diskurs bleibt zu oft bei dem Verweis auf den Erhalt von Arbeitsplätzen und der Wirtschaftskraft stecken. Die Politik traut sich nicht, tiefgehende und spürbare Veränderungen durch strenge Regulierungen etwa hinsichtlich ökologischer Ansprüche des Wirtschaftens durchzusetzen. Wenn man auf einen Wandel von unten setzt, muss indes enttäuschen, dass selbst gravierende Ereignisse beziehungsweise die Veröffentlichung von erschütternden Erkenntnissen es nicht vermögen, die Bürgerinnen und Bürger ausreichend zu „wecken“, um sozialen Druck auszuüben. Weder die Brandkatastrophe in einer Bekleidungsfabrik in Bangladesch noch die durch die Medien ziehenden Informationen darüber, wie stark deutsche Universitäten mit ihren Forschungen in Waffenproduktionen involviert sind, haben eine entsprechende Wirkung auf Seiten der Zivilgesellschaft gezeitigt. 

Eine weitere Antwort auf die Frage, was die Gesellschaft für Unternehmen tun muss, damit diese etwas für die Gesellschaft tun, appelliert an die Zivilcourage der einzelnen Mitarbeiter in Unternehmen. Diese müssten sich für gemeinwohlverträgliche Unternehmensstrategien stark machen. Im Zusammenhang damit kann man die nach der Diskussion naheliegende Forderung an eine veränderte Ausbildung an den Universitäten und Hochschulen sehen. Deren Ziel muss sein, keine Absolventen mehr von der Universität in die Berufstätigkeit zu entsenden, denen der Blick auf das Gemeinwohl verloren gegangen ist. Im Gegenteil: Die Studierenden sollen ihr jeweiliges Fachgebiet an der Universität so kennen lernen, dass sie es sofort gemeinwohlfördernd anwenden können. Ein entsprechendes Lehrkonzept namens „Service Learning“ macht vor, wie das funktionieren kann.

Weiterhin gilt es, Beispiele guten, nachhaltigen und sozial verträglichen Unternehmertums, die es durchaus gibt, stärker hervorzuheben. Auch die Forschung könnte hier mehr leisten. Wir sollten, so der Aufruf in der Runde, die „zarten Pflänzchen der Änderung“ wahrnehmen und wertschätzen.