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Versorgungszukünfte für Menschen mit Demenz

Artikel vom 27.10.2016

Am 13. Oktober 2016 fand die 3. Fachtagung zum Thema Demenz im Schader-Forum statt.

Am 13. Oktober 2016 fand im Schader-Forum die dritte und letzte Fachtagung der Veranstaltungsreihe „Demenz. Gute Versorgung als Herausforderung“ statt. Die Konferenz kreiste um die Frage, wie die zukünftige Versorgung von Betroffenen aussehen wird.

Demenz im Alltag

Die Tagung begann bereits am Vormittag in einer kleineren Runde. Angehörige, die Menschen mit demenziellen Veränderung versorgen, berichteten von ihren Erfahrungen aus dem Alltag.

Demenz als wissenschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung

Am Nachmittag wurde die Tagung in erweiterter Besetzung fortgeführt, um das Thema aus wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektive näher zu beleuchten. Alexander Gemeinhardt, Vorsitzender des Vorstands der Schader-Stiftung, und Gabriele Meier-Darimont, Referatsleiterin im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, begrüßten die Teilnehmenden mit einleitenden Worten. Darauf folgten vier Impulsvorträge, die zur Diskussion anregten.

Dr. Carmen Berger-Zell von der Diakonie Hessen hielt das erste Referat zu Versorgungszukünften aus der Perspektive eines Wohlfahrtsverbands. Zuerst gab sie einen Überblick zu dessen Aufgabenbereichen. Wichtige Tätigkeitsfelder sind Beratungsangebote sowie die Planung und Sicherstellung von pflegerischer Versorgung. In Zukunft werden mehr Pflegekräfte benötigt. Doch fehlende Anerkennung und Wertschätzung wie auch die niedrigen Einkommen lassen den Beruf unattraktiv erscheinen. Weniger im Bereich ambulanter Pflegeangebote, sondern in vielen Krankenhäusern vermisst Carmen Berger-Zell eine demenzsensible Haltung der Beschäftigten. Hier sieht sie Handlungsbedarf ebenso wie in der Frage, wie die wachsende Zahl alleinlebender von Demenz betroffener Menschen in Zukunft gut versorgt werden kann.

Die Sicht der Sozialgerontologie

Der zweite Input erfolgte durch Prof. Dr. Gabriele Kleiner vom Fachbereich Soziale Arbeit der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Sie setzte den Fokus auf zukünftige Anforderungen an die Versorgung von Menschen mit Demenz aus Sicht der Sozialgerontologie. Dabei stellte sie zunächst fest, dass sich unsere Gesellschaft durch einen „Hyperkognitivismus“ auszeichne. Die Autonomie und Leistungsfähigkeit des Individuums, die auf seinen kognitiven Fähigkeiten basiert, sei die unangefochtene Norm unserer Gesellschaft. Jegliche Normabweichung werde stigmatisiert, so geschehe es auch Demenzkranken. Es brauche neue Formen der Solidarität, neue Wohn- und Lebensformen, die zur Entstigmatisierung beitragen könnten. Dafür ist, nach Kleiner, die Stärkung kommunaler Konzepte und Lösungen ein erfolgversprechender Weg. Rekommunalisierung sei zudem auch entscheidend, um Probleme, die durch Vermarktlichungsprozesse im Gesundheitswesen und in der Pflege entstanden sind, zu lösen. Die Versorgung könne sich nicht immer weiter auf ehrenamtliches Engagement stützen. Professionelle, sozialstaatliche Leistungen müssten stattdessen ausgebaut werden.

Versorgungszukünfte aus soziologischer Perspektive

Nach einer Kaffeepause ging die Tagung mit einem Beitrag von Prof. Dr. Liane Schirra-Weirich von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen aus Aachen weiter. Sie blickte aus einer soziologischen Perspektive auf das Thema Versorgungszukünfte. Anhand empirischer Kennzahlen zum demographischen Wandel in Deutschland beschrieb sie unsere Gesellschaft als durch hohe Funktionalität und Rationalität gekennzeichnet. Menschen mit Demenz seien davon „entrückt“, es müsse jedoch eine gesellschaftliche Offenheit demgegenüber entstehen. Schirra-Weirich nahm zudem die versorgenden Angehörigen mit in den Blick, die in der Diskussion oft außen vor gelassen werden, sich jedoch häufig in intensiven Belastungssituationen befinden. Wie kann die Dualität medizinischer, pflegerischer wie auch psychosozialer Bedürfnisse der zu versorgenden Menschen mit den persönlichen Lebenswünschen und Bedürfnissen der Angehörigen in Einklang gebracht werden? Zusätzlich müssen vor dem Hintergrund sich auflösender traditioneller Familienstrukturen für die Zukunft dringend Lösungen zur Versorgung alleinlebender Menschen mit Demenz gefunden werden.

Die Rollen von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft

Zum Abschluss des Nachmittags gab Loring Sittler, Senior Conultant des Generali Zukunftsfonds, eine Einschätzung zur Rolle von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft bei der Versorgung von Menschen mit Demenz. Grundsätzlich kritisierte er die gängige Praxis, segmentierte Projekte zu fördern, die mangelhaft finanziert und kurzzeitig angelegt seien, was er als „Projektitis“ bezeichnete. Es fehle eine politische und gesamtgesellschaftliche Engagementstrategie. Die Vermarktlichungsprozesse der vergangenen Jahrzehnte hätten zu oft ungewollte und negative Auswirkungen gezeitigt. Sittler hielt ein Plädoyer für kommunale Lösungen, im Gegensatz zu Gabriele Kleiner allerdings mit verstärktem Augenmerk auf die Selbstorganisation durch Angehörige der Betroffenen. Im Konzept der genossenschaftlichen „zorg-coöperatie“ in den Niederlanden sieht er ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eine Verbesserung für alle Beteiligten erreicht werden könne. Außerdem seien bei den sogenannten jungen Alten zwischen 65 und 85 noch ein hohes Potential und viele Ressourcen vorhanden, die es in der Versorgung der Demenzkranken und Hochaltrigen auszuschöpfen gelte.

Die Fachtagungsreihe wurde durch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration gefördert und von der Diakonie Hessen unterstützt.

Die Präsentationen von Dr. Carmen Berger-Zell, Prof. Dr. Gabriele Kleiner und Prof. Dr. Liane Schirra-Weirich stehen als PDF-Dateien im Downloadbereich zur Verfügung.