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Meinhard Miegel: Philosophie des Wohlstands - einführende Thesen

Rede anlässlich der Verleihung des Schader-Preises am 6. Dezember 2000

Als mich die Schader-Stiftung einlud, aus Anlass der heutigen Preisverleihung ein Thema meiner Wahl zur Diskussion zu stellen, entschied ich mich spontan für eine Frage, die mir seit langem durch den Kopf geht, die geordnet zu beantworten ich aber bislang keine Gelegenheit hatte: Was bedeutet Wohlstand und was sind praktische Auswirkungen dieses unseres Begriffsverständnisses? Dabei war mir klar, dass in so hoch individualisierten Gesellschaften wie der unseren, in der jeder seine Ordnungen und Begrifflichkeiten fast nach Belieben selbst zimmern kann, die Einigung auf einen derart sensiblen Begriff schwerfallen dürfte. Aber vielleicht ist gerade dieser Umstand der Behandlung des Themas angemessen.

"Wohlstand", so heisst es im Brockhaus, leitet sich von gewollt, willentlich ab. Wohlstand also als ein gewollter, angestrebter, gewünschter Zustand, der seinen Widerhall in Wohlbefinden, Wohligkeit und Ähnlichem findet. Das ist einsichtig. Aber was ist dieser gewollte, Wohlbefinden bereitende Zustand? Für den Kranken vermutlich Gesundheit, für den Hungernden Nahrung, für den Obdachlosen ein Dach über dem Kopf. Das alles und noch viel mehr ist oder kann "Wohlstand" sein.

Doch spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der schottische Professor für Logik und Moralphilosophie, Adam Smith, seine Gedanken über die Natur und Ursachen des Wohlstands der Nationen zu Papier gebracht hatte, erhielt der Begriff "Wohlstand" eine Begrenzung, die er bis heute nicht abgestreift hat. Hatten die Merkantilisten noch schlicht auf Geld und florierenden Handel und die Physiokraten auf fruchtbare Böden als Quellen des Wohlstandes gesetzt, wurden nunmehr von Smith Arbeit und Arbeitsteilung mit allen ihren Begleiterscheinungen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Arbeit war von jetzt an Voraussetzung und Garant von Wohlstand. Der Reformator Calvin hatte sein säkulares Pendant gefunden.

Indem aber Wohlstand zu etwas wurde, was sich der einzelne und ein Volk erarbeiten mussten, wurde er zum menschlichen Attribut. Zugleich wurde er für die breiten Schichten der Bevölkerung zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Denn just zu der Zeit, in der Adam Smith über den Wohlstand und seine Quellen sinnierte, bastelte James Watt an seiner Dampfmaschine, die dereinst dem Industriezeitalter Schub verleihen sollte. Aber noch war es nicht soweit, und Wohlstand durch Arbeit – wie von Smith postuliert – bedeutete für viele unsägliche Mühen. Wie die Menschen gegen Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschuftet haben, um sich dem fernen Ziel eines bescheidenen Wohlstand zu nähern, haben Menschen – von den Sklaven der Antike vielleicht abgesehen – weder vorher noch nachher geschuftet.
Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir in den frühindustrialisierten Ländern heute so leicht und selbstverständlich mit materiellen Gütern umgehen, von denen noch vor einigen Generationen nur geträumt werden konnte. Wir alle sind Erben, und ein Großteil des Wohlstands, der uns heute umgibt, sind die Früchte von anderer Leute Arbeit, die davon nichts oder nur wenig gehabt haben.

Diese arbeitszentrierte Wohlstandsmehrung hat jedoch noch eine zweite, gewissermaßen metaphysische Ebene. Metaphorisch gesprochen ist sie die endgültige Niederlage des Jesus von Nazareth gegen den Paulus von Tarsus. Hatte ersterer seine Bedürfnisse durch das Walten eines Gottes befriedigt gesehen, hatte letzterer seine Thessalonicher barsch angefahren: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen, eine Maxime, die 2000 Jahre später problemlos in die Stalinsche Verfassung der Sowjetunion eingefügt werden konnte.

Der Konflikt, der hier sichtbar wird, durchzieht keineswegs nur das abendländische, sondern das Menschheitsdenken schlechthin: der Konflikt, der Zwiespalt, der Widerspruch zwischen dem Wohlstand – in der Sprache des Neuen Testamentes dem Himmelreich – in uns und um uns.



Vergröbert und verkürzt scheint mir dies der Achspunkt aller Hochreligionen zu sein: Erlangung von Wohlstand durch die Umgestaltung, die Wiedergeburt, die Erneuerung des Menschen: der neue Mensch oder durch die Umgestaltung und Anpassung der Welt an den alten Adam mit allen seinen Bedürfnissen und Gelüsten. Für die Stifter der Hochreligionen von Buddha über Jesus bis hin zu Mohammed war dies in der Tat ein Entweder-Oder, das allerdings nirgendwo so kompromisslos formuliert wurde wie im Christentum. Der Mensch muss sich entscheiden: aufzugehen in der Welt um sich oder einzugehen in die Welt, die in ihm ist.

Hieran wollte ich zunächst erinnert haben, gehört es doch zu den größten Ironien der Geschichte, dass ausgerechnet jener Kulturraum, der so kompromisslos auf diesem Entweder-Oder gründet, zum Hort des rechenhaftestenx, irdischsten und materiellsten Wohlstandsverständnisses geworden ist, das die Menschheit je erlebt haben dürfte. Vor kurzem saß ich mit dem – buddhistischen – Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Colombo zusammen und wir unterhielten uns über die Einkommen und Vermögen und deren Verteilung in Sri Lanka. Er schilderte die Armut seiner Landsleute und den langen Weg, den sie noch vor sich hätten, ehe alle ein menschenwürdiges Leben leben könnten. Allerdings, so fügte er hinzu, sei das Ziel dieses Weges nicht der Lebensstandard, den der Westen pflege.


Der sei, so bemerkte er, ein ausgewiesener Kenner dieses Westens, "obszön", zu deutsch unmoralisch, unsittlich, das Schamgefühl verletzend.

Ich kann und will diese Einschätzung nicht kommentieren. Denn ich bin Teil einer Gesellschaft, die mich großzügig teilhaben lässt an diesem so apostrophierten Wohlstand – materiell wie immateriell -und die dem wirtschaftlich Schwächsten noch immer ein Auskommen ermöglicht, das nicht nur nach Kaufkraftstandards, sondern auch nach Augenschein deutlich über das meines sri-lankischen Kollegen hinausgeht. Dennoch sollte uns dessen Bemerkung Anlass sein, über Erscheinungsformen von Wohlstand nachzudenken.

Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist der traditionelle Wohlstandsbegriff, wie ihn nicht nur, aber doch vorwiegend Ökonomen zur Reife gebracht und einem breiten Publikum, vor allem aber Politikern, schmackhaft gemacht haben. Es ist der Wohlstandsbegriff, der seit Generationen in Bruttoinlandsprodukten und Produktivitätskennziffern, in Handels-, Zahlungs- und Leistungsbilanzen, in Einkommens- und Vermögensstatistiken in Kosten-Nutzen-Rechnungen u.a.m. seinen Niederschlag findet.



Diesem Begriff zufolge haben wir in den frühindustrialisierten Ländern sehr, sehr viel und viele andere sehr, sehr wenig. Ich bin mir der Problematik dieses Begriffs wohl bewusst und habe mich schon vor Jahren kritisch mit ihm auseinandergesetzt. Trotzdem möchte ich an ihm festhalten, nicht zuletzt deshalb, weil ich bei meinen vielen Reisen seine, wenn auch bedingte Aussagekraft schätzen gelernt habe.

Es stimmt. Mit steigendem Bruttoinlandsprodukt, Einkommen und Vermögen steigt auch die Stimmung der Menschen. Sie werden zufriedener, selbstbewusster, zukunftsoffener. Sie verfassen sich freiheitlicher und demokratischer. Die Wahrung der Menschenrechte wird durch materiellen Wohlstand nachhaltig gefördert. Kühn und knapp kann man sagen: Materieller Wohlstand macht glücklich oder zumindest glücklicher als Armut. Insofern haben jene einen schweren Stand, die durch die Jahrtausende das Glück des Menschen durch die Abkehr von materiellem Wohlstand zu verwirklichen suchten. Das war immer nur etwas für Wenige. Materieller Wohlstand, wie ihn die Ökonomen kalt definieren, hat eine warme, menschliche Dimension. Die fast völlige Parallelität von materieller Wohlstandsmehrung und subjektiver Zufriedenheit, die empirisch reich belegt ist, ist beeindruckend.

Nicht minder beeindruckend ist jedoch das Material, das von einem gewissen Punkt der Wohlstandsmehrung an ein Auseinanderdriften der Wohlstands- und der Zufriedenheitskurve erkennen lässt.
Strebt die Wohlstandskurve weiter nach oben, spaltet sich irgendwann die Zufriedenheitskurve ab und schwenkt auf einen waagerechten Pfad ein, ohne dass jemals ein Zufriedenheitsmaximum erreicht worden wäre. Anders gewendet: Es gibt so etwas wie ein Optimum von ökonomisch definiertem Wohlstand und sozialwissenschaftlich definierter Zufriedenheit. Wird dieses Optimum überschritten, gehen beide getrennte Wege.

Das heisst nun nicht, dass das Theorem der Ökonomen von den grenzenlosen menschlichen Bedürfnissen erschüttert sei. Für die meisten kann in der Tat die Wohnung immer noch ein bisschen größer, das Auto schneller, die Urlaubsreise länger, oder kurz: das Einkommen höher sein. Jahr für Jahr gehen sie dafür auf die Straße. Nur zufriedener, das zeigt die Empirie, werden sie dadurch kaum noch. Der Wohlstand, den sich die Völker und Nationen riesengroß auf ihre Fahnen geschrieben haben, hat offenbar im Zuge seiner Mehrung einen Funktionswandel erfahren. Er macht nicht mehr zufriedener. Warum?

Die Antwort auf diese Frage folgt aus den unterschiedlichen Bedürfnissen, die Wohlstand befriedigen kann. Er kann das Bedürfnis nach Nahrung, Kleidung, Behausung oder Bildung stillen. Er kann aber auch dem Bedürfnis nach sozialem Ansehen, gesellschaftlichem Einfluss oder politischer Macht dienen. Doch nur in ersterem Bereich steigert er die Zufriedenheit der Menschen. Denn nur hier kann sich die Bevölkerung, wenn schon nicht im Gleichschritt, so doch in der gleichen Richtung bewegen.
Alle können besser essen und sich kleiden, besser wohnen und sich bilden. Nur hier kann es zufriedenheitsstiftenden Wohlstand für alle geben.

Auf der Ebene von Ansehen, Einfluss und Macht ist das hingegen nicht möglich. Erhält das Ansehen des einen einen Wohlstandsschub, relativiert sich unvermeidlich das Ansehen anderer. Entsprechendes gilt für Einfluss, Macht und manches mehr. Das Glück des einen ist fast stets das Unglück des anderen. Die Zufriedenheit aller kann nicht mehr zunehmen. Die Empirie zeigt das deutlich. Wohlstand, der in diese Bereiche vorstößt, zieht die Zufriedenheitskurve nicht mehr mit. Mitunter fällt sie sogar.

Dabei zeigt der historische und internationale Vergleich, dass sich die Wohlstandsmehrung in den frühindustrialisierten Ländern mittlerweile ausschließlich auf dieser zweiten Ebene abspielt, auf der Zufriedenheitsveränderungen bestenfalls ein Null-Summen-Spiel sind. Längst haben alle satt zu essen und ein Dach über dem Kopf. Es geht nur noch darum, mit irgendwelchen Nachbarn oder zweifelhaften Leitbildern mitzuhalten. Das aber ist ein mühsames, frustrierendes und letztlich enttäuschendes Unterfangen.




Das nimmt dem Wohlstand in den sogenannten Wohlstandsgesellschaften viel von seinem Glanz. Auf der Ebene gehobener Bedürfnisbefriedigung ist er zur Selbstverständlichkeit geworden und als solcher banal und langweilig. Satt zu essen oder eine warme Stube zu haben, vermittelt den meisten – anders als noch vor 50 Jahren – kein besonderes Gefühl der Zufriedenheit mehr. Schwingt er sich jedoch auf zum Instrument von Ansehen, Einfluss oder gar Macht, setzt er sofort wirksame gesellschaftliche Abwehrmechanismen in Gang. Niemand soll sich durch seinen Wohlstand über andere erheben. Wer es trotzdem versucht, gibt sich der Lächerlichkeit und im schlimmsten Fall der gesellschaftlichen Ächtung preis. Faktisch darf - zumindest in Europa - Wohlstand nur noch aus der Ferne zelebriert werden. Die Wohlhabenden tun gut daran, unter sich zu bleiben. Der Wohlstand – unbestrittener Leitstern vieler Generationen – wurde durch das Überspringen einer Schwelle – ist das die Schwelle der "Obszönität"? – vieler seiner früheren Attribute entkleidet. Warum ihm also weiter nachjagen? Spaß macht er ohnehin nicht mehr.

Auch hierüber gibt es reiches empirisches Material. Viel Geld zu verdienen oder eine wirtschaftlich aussichtsreiche Laufbahn einzuschlagen ist häufig nicht mehr attraktiv. Attraktiver ist jedenfalls viel freie Zeit, viele Freunde und lustige Gesellschaft. Und wer darüber hinaus will, meidet besser den Wohlstandspfad.


Er ist nicht mehr zielführend. Für Ansehen, Einfluss und Macht ist es förderlicher, auf irgendeine Weise, und sei sie auch noch so absurd, aufzufallen. Wer auffällt, gelangt am ehesten zum Ziel.

Die Folgen, die sich hieraus für die weitere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ergeben, lassen sich vorerst nur erahnen, dürften aber weitreichend sein. Wachsender Wohlstand war bisher so etwas wie ein gesellschaftlicher Seinsgrund. Dieser Grund trug solange als mit dem Wohlstand auch die Stimmung stieg. Was aber geschieht in einer Gesellschaft, in der Wohlstandsmehrung und Zufriedenheit entkoppelt sind?

Die Japaner könnten einen Hinweis geben. Um sie aus ihrer seit Jahren anhaltenden Kaufreserve zu locken, liess die Regierung kostenlos Gutscheine verteilen, von denen jedoch Abermillionen im Papierkorb landeten. Empört erklärte einer der Beschenkten vor laufenden Kameras, er habe vier Anzüge und vier Paar Schuhe, und ein fünftes Paar mache ihn auch nicht glücklicher. Das lässt sich hören. Aber was heisst es für künftige Wachstumsraten, Arbeitsplätze, Kapitalrenditen und alle diese Ankerpunkte, an denen unsere derzeitigen gesellschaftlichen Strukturen festgemacht sind? Mit dieser Frage will ich schließen und sie mit manchen anderen der nachfolgenden Diskussion anheim stellen.

 
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Letzte Änderung: 04.11.2002