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Dr. Heik Afheldt
Wirtschaftspublizist
Laudatio auf Professor Dr. Fritz W. Scharpf, Schader-Preisträger 2002
am 7. November 2002 in Darmstadt
Es gilt das gesprochene Wort!
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Meine Damen und Herren,
Verehrte Gäste,
Liebes Ehepaar Schader,
In der noch jungen aber schon sehr gewichtigen Reihe der Preisträger des Schader-Preises zeichnet die Schader-Stiftung in diesem Jahr einen Gesellschaftswissenschaftler von ganz besonderer Güte, von herausragender Begabung und von für dieses erschreckend reformmüde und beratungsresistente Land, ungewöhnlicher Wirkung aus: Professor Fritz W. Scharpf, heute Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln.
"Die Schader-Stiftung hat es sich zum Ziel gesetzt, durch die Förderung der Kommunikation und Kooperation zwischen Gesellschaftswissenschaften und Praxis einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Gemeinwesens zu leisten". Den von ihr gestifteten alljährlichen Schader-Preis vergibt sie an Gesellschaftswissenschaftler, die - so steht es in der Satzung - "aufgrund ihrer wegweisenden wissenschaftlichen Arbeit und ihr vorbildliches Engagement im Dialog mit der Praxis einen Beitrag zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen geleistet haben."
Wenn man sich diese Ziele der Stiftung und die Widmung ihres Preises anhört, dann brauchte es für die große Gemeinde der Gesellschaftswissenschaftler und der Politiker in diesem Lande im Grunde keine Begründung gerade für diese Auszeichnung an diesen Mann. Man kennt und schätzt ihn - und seine Arbeiten sozusagen urbi et orbi, zumindest aber hier zu Lande.
Für mich war der Name Fritz Scharpf schon eine Edelmarke oder erste Adresse, als ich in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Freude hatte, der Prognos in Basel vorzusitzen. Fritz Scharpf war ein Anreger für jeden, der sich in die Politikberatung wagte - und als viel beachteter Berater auch eine wichtige Konkurrenz aus dem Lager der Universitäten, die wir ansonsten damals am Markt für interessante Regierungs-Aufträge nicht so ernst genommen haben. Sie waren meist zu theoretisch, schwer verständlich und - Gott sei Dank - ziemlich uneffizient und selten in time. Nicht so Fritz Scharpf. Woran lag das? Eine überzeugende Antwort liefert uns sein reichhaltiger Lebenslauf.
Lassen Sie mich einen kurzen Abriss einiger seiner wichtigeren Lebensdaten versuchen: Geboren 1935 in Schwäbisch Hall, (damit wird er im nächsten Jahr zu einem richtigen 68er!). Von 1954 bis 1959 Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in Tübingen, Freiburg und Yale.
Im Jahr 1955 und 1956 war er Fulbright Stipendiat.
Dann folgten 5 lange Referendarjahre in Freiburg (1959-1964), die Scharpf 1964 mit der Promotion abschloss. Da war er 29 Jahre alt.
Das klingt alles noch ziemlich unauffällig und für eine deutsche Universitätsausbildung normal. Aber dann, von 1964 bis 1966 ging der junge Fritz Scharpf als Assistant Professor an die Yale Law School. Eine Zeit, die ihn in vieler Hinsicht deutlich geprägt hat.
1968 folgte er dem Ruf an die noch ganz junge Reform-Universität Konstanz als Nachfolger von Renate Mayntz. Eine unruhige Zeit, in der seine Position von einem Mitlehrenden als linksliberal bezeichnet wurde. "Ein ernster Typ, der nicht viel gelacht hat". Aber damals
gab es an den Universitäten, wie wir alle erinnern, auch wenig zu lachen. Besonders eng war damals der Schulterschluss mit Naschold, aber auch mit Bruno Frey und Manfred Timmermann. "Globale Finanzpolitik" war einer der Kurse betitelt, die diese
drei zusammen geben wollten.
Nach Konstanz folgten die fast 10 Berliner Jahre, enorm fruchtbar Jahre, als Direktor am Institut für Management und Verwaltung am Wissenschaftszentrum in Berlin.
Und 1986 zog Fritz Scharpf - gegen den heutigen Umzugstrend von Berlin nach Köln - als Direktor des MP-Instituts für Gesellschaftsforschung. Und da wirkt er bis heute.
Übrigens zeigt die Liste der bisherigen Schader-Preisträger eine deutliche Dominanz der Rheinschiene. Aber das wird bei seinen Umzugsmotiven damals noch keine Rolle gespielt haben.
Nun, dieser kurze Abriss wichtiger Lebensstationen klingt reichlich nach breiter Erfahrung und Erfolg. Und so ist es ja auch. Umso mehr noch, wenn man die Städtenamen und Wirkungsstätten wie Florenz, Paris, Uppsala, Stanford und Chicago hinzufügte oder die unzähligen Mitgliedschaften und Ehrungen aufzählte, für die hier aber unsere Zeit ganz einfach nicht reicht.
Lassen Sie uns lieber noch einen Moment mit seinen Gedanken und Arbeiten beschäftigen. Das ist gerade in diesen Tagen - denke ich - von ganz besonderer Bedeutung. Die Gesellschaft in diesem Lande ist in einer beunruhigend schlechten Verfassung - und die Politik und die Politiker, auf die vor und bei den letzten Wahlen so viel Hoffnung gesetzt wurde, scheinen jeden Faden verloren zu haben, selbst den roten. Über die Regierungserklärung des Bundeskanzlers vergangene Woche hört und liest man nur Sottisen. "Eine Summe von Wertbekenntnissen ohne Aufgabenkatalog, eine Loseblatt-Sammlung" so Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel vom Sonntag. Oder noch bösartiger der hämische Guido Westerwelle: "Es ist ein Wunder der Parlamentsgeschichte, dass bei der Schröder-Rede nicht der gesamte Bundestag eingeschlafen ist."
Nun ja, jeder hat mal einen schlechten Tag und diese Regierung nun ihren zweiten schlechten Start - aber was hat das mit Fritz Scharpf, unserem stets hellwachen, engagierten und kritischen Preisträger zu tun, werden Sie fragen.
Nun, es ist doch schon verwunderlich und fragwürdig, weshalb eine Gesellschaft mit einer so entwickelten Gesellschaftswissenschaft und so glänzenden Köpfen in einen derartig bedauernswerten und beunruhigenden Zustand gerät.
Welchen Einfluss haben denn die Großen der Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften auf die reale Politik tatsächlich? Wenn man die Urteile des neuen Superministers Wolfgang Clement über die Wirtschaftsweisen hört, dann offenbar keinen - oder einen sehr geringen.
Wenn das aber (heute) so ist, liegt es nur an der politischen Kultur, an der Uneinsicht der Adressaten seriöser Politikberatung?
Oder stellt die Wissenschaft die falschen Fragen, gibt sie unsinnige Rezepte und übt ungerechtfertigte Kritik?
Oder hat sie vielleicht trotz aller hehren Anstrengungen die Regeln, nach denen das politische System in dieser Republik tickt, nicht verstanden, die Ursachen für die immer wieder beklagten gewaltigen "Umsetzungsdefizite" nicht bloß gelegt?
Wenn man die eindrucksvolle Liste der Publikationen von Fritz Scharpf liest, dann kann man sich eigentlich nur wundern, warum es um die Bundesrepublik heute - und ja schon seit längerem - so schlecht steht.
Hören Sie Titel aus seinem Oevre - und staunen wir:
> Politischer Immobilismus und ökonomische Krise (1977)
> Implementationsprobleme offensiver Arbeitsmarktpolitik (1982)
> Sozialdemokratische Krisenpolitik in Europa (1987)
> Reformfähigkeit von Industriegesellschaften, ein Beitrag in der Festschrift zu seinem 60. Geburtstag 1995.
> Regieren in Europa. Effektiv und demokratisch (1999).
Da lässt sich wahrlich nicht sagen, es seien die richtigen, die wichtigen Themen nicht rechtzeitig auf die Tische und in die Öffentlichkeit gelangt. Wenn man in seiner langen ein- drucksvollen Publikationsliste blättert, stößt man auf überraschend frühe Arbeiten und Veröffentlichungen zu offenbar extrem nachhaltigen Problemen unserer Gesellschaft, wie etwa "Planungsorganisation. Die Diskussion um die Reform von Regierung und Verwaltung des Bundes", 1973 zusammen mit Renate Mayntz
oder "Politische Durchsetzbarkeit innerer Reformen" im Rahmen der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel aus dem Jahre 1974.
Eines zumindest lässt sich, wenn man Fritz Scharpf aufmerksam auf seinem wissenschaftlichen Lebensweg verfolgt, sagen: An Analysen und Einsichten darüber, was notwendig wäre, was die Not hätte wenden können, hat es in diesem Lande - vor allem auch dank Fritz Scharpf - nicht gefehlt. Und er hat nie nur geforscht, sondern seine Einsichten und seine Ratschläge breit und überzeugend - fast missionarisch? - in die Öffentlichkeit gebracht, sogar in die besseren Gazetten. Er war und ist ein Wissenschaftler, der auf den Marktplatz geht, und dort seine wahre Lehre ausruft und zu "verkaufen" sucht. Eine immer noch seltene Ausnahme im deutschen Wissenschaftsbetrieb.
Denn noch immer mangelt es hier doch an einem intensiven, neugierigen Umgang der Wissenschaft mit der Politik und der Politik mit der Wissenschaft. Wie kann sich dieses so wichtige Gespräch besser entwickeln, wie das Reformtempo beschleunigt werden?
Vielleicht helfen zwei Beobachtungen, zumindest die Richtung eines wünschbaren Lernprozesses zu markieren. Wissenschaft- und zumal Gesellschaftswissenschaft sind "Hypothesenwissenschaften". Sie haben es mit Ausnahme der Naturwissenschaften vor allem mit "Wolkensystemen" (Karl Popper) zu tun, nicht mit "Uhrensystemen". Hier herrschen keine festen, eindeutigen funktionalen Zusammenhänge, sondern plausible Mutmaßungen. Wenn wir die Formen sehen und die Sprache hören, in denen viele Vertreter der "unexakten Wissenschaften" ihre Kritik an Politik vorbringen und ihre Ratschläge formulieren, dann scheinen sie den unsicheren Untergrund, auf dem sie stehen, zu vergessen. Ja, vielleicht kompensieren sie ihre vielen Fragezeichen durch die Schärfe der anklagenden Formulierungen.
Also, und das ist meine zweite Anmerkung, können Lösungen nur im Wettbewerb miteinander um die besseren Resultate getestet werden. Und damit sind wir, Wettbewerb angewandt in unseren politischen Strukturen oder Systemen, bei einem der Themen, die Fritz Scharpf immer schon und heute verstärkt beschäftigen, dem Föderalismus. Hier sieht er den eigentlichen archimedischen Hebel zur Reform unserer Gesellschaft und ihrer politischen Systeme.
Schlagen wir für einen Moment die FAZ vom 7. April 2001 auf und lesen Fritz Scharpf:
Mehr Freiheit für die Bundesländer - Der deutsche Föderalismus im europäischen Standortwettbewerb.
"Hier ginge es also nicht um die pauschale Rückverlagerung ganzer Kompetenzbereiche auf die Länder. Vielmehr läge es an den einzelnen Landtagen und Landesregierungen, je für sich einzelne Handlungsfelder zu identifizieren, in denen" das einheitliche Bundesrecht die standortbezogenen Gestaltungsmöglichkeiten zu sehr einengt".
Und weiter: "Wenn es zu einer solchen Verfassungsreform käme, dann könnte Nordrhein-Westfalen, ohne auf die anderen Länder warten zu müssen, die Gründung von Computerunternehmen ohne Meisterprüfung zulassen. Baden-Württemberg dürfte im Alleingang Ausbildungsgänge für neue Berufe einführen. Bayern wäre in der Lage, den Kündigungsschutz zu liberalisieren. Sachsen wäre es gestattet, flexiblere Bedingungen für die Zeitarbeit zu schaffen, Hamburg und Berlin könnten, wenn sie denn wollten, den Ladenschluss ganz außer Kraft setzen oder auch eine Ausbildungsplatzabgabe einführen."
"Mit einer solchen Reform käme Deutschland auf dem Wege zu einem innovationsfreundlichen Wettbewerbsföderalismus ein gutes Stück voran."
Ich denke, hier schließen wir besser wieder die "Tür zum Paradies" , sonst werden wir noch unzufriedener mit dem, was wir heute als Realität erleben und erdulden. Das "policy learning", wie Scharpf es nennt, weist in Deutschland eine flache Kurve auf, von der nicht immer sicher ist, ob sie überhaupt aufwärts zeigt.
Deshalb, da stimmen Sie mir zu, täte "mehr Scharpf" diesem Lande und uns allen gut. Ich hoffe, zusammen mit den Stiftern, Herrn und Frau Schader, und Ihnen allen, dass die heutige Ehrung der Stimme von Fritz Scharpf noch mehr Aufmerksamkeit und Wirkung verleiht.
Seine wichtige Botschaft: Vor allem Wettbewerb bringt die alten untauglichen, überholten Strukturen und die Leader in die notwendige Unruhe und in Bewegung.
Wettbewerb, das wusste nicht nur Friedrich August von Hayek, ist die force motrice in unserer Wirtschaft und Gesellschaft, ist das effizienteste und effektivste Entdeckungsverfahren auf der Suche nach neuen, besseren Lösungen.
Wettbewerb bringt Bewegung und meist auch Fortschritt.
Auch der Schader-Preis wird im Wettbewerb um die besten, die verdienstvollsten Köpfe vergeben. Fritz W. Scharpf ist mit den besten Gründen als Erster des Jahrgangs 2002 aus diesem Wettbewerb hervorgegangen.
Ganz herzliche Gratulation, lieber Fritz Scharpf.
Afh.11.02
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