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Von der Organisationssoziologie zur Gesellschaftsforschung: zum soziologischen Werk von Renate Mayntz
Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln, 1997
Soziologie war nicht Renate Mayntz’ erste Wahl. Die 1929 geborene Tochter eines Professors, der Fachmann für Verbrennungskraftmaschinen war, entschied sich zunächst für ein Chemiestudium. Ein ausgeprägtes Interesse an den Naturwissenschaften hat sie bis heute behalten. Noch stärker schlägt sich die naturwissenschaftliche Prägung allerdings in der Professionalität des Arbeitsstils von Renate Mayntz nieder. Obwohl ihre Erfahrung des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs durchaus mitverantwortlich für ihre Hinwendung zur Soziologie war, hat sie es stets abgelehnt, persönliche Lebensprobleme und politisch-ideologische Auseinandersetzungen in die Soziologie hineinzutragen. Entsprechend enttäuscht reagierte sie, als Ende der sechziger Jahre ihre Berliner Studenten genau das versuchten.1
Ihr Chemiestudium schloss Renate Mayntz nicht mehr ab, nachdem sie sich 1951 in einem spontanen Entschluss für die Soziologie entschieden hatte. Bereits ihre ersten soziologischen Arbeiten – die industriesoziologische Dissertation und die gemeindesoziologische Habilitation – ließen zwei weitere Charakteristika ihrer Herangehensweise erkennen. Zum einen strebt sie nach empirisch fundierter Theoriebildung nach Art der von Merton propagierten “Theorien mittlerer Reichweite”; weder luftige Großtheorien in der Nähe zur Sozialphilosophie noch die bloße minutiöse Beschreibung sozialer Sachverhalte sind Renate Mayntz’ Sache. Zum anderen bevorzugt sie in ihren Arbeiten eine mittlere Analyseebene zwischen der Gesellschaft als Ganzer auf der einen Seite und den Individuen auf der anderen. Verbände, Parteien, Verwaltungen – oder allgemeiner: formale Organisationen und zunehmend die Verflechtungen zwischen diesen – bilden von Anfang an die zentralen Untersuchungsgegenstände im Werk von Renate Mayntz.
Bekannt wurde Renate Mayntz zunächst als Organisationssoziologin, die sich umfassend mit diesem Typ von sozialem Gebilde beschäftigte und dabei den fortgeschrittenen Stand amerikanischer Forschungen in die deutsche Soziologie einbrachte. Bald spitzte sich dieses Interesse auf Organisationen der öffentlichen Verwaltung zu. Zeitweise hatte Renate Mayntz einen Lehrstuhl an der Speyerer Hochschule für Verwaltungswissenschaften inne. Ende der sechziger Jahre beteiligte sie sich mit einem umfangreichen Forschungsprojekt zur
Ministerialverwaltung an den Überlegungen zur Reform der öffentlichen Verwaltung. Dabei begann eine enge Zusammenarbeit mit dem Politik- und Verwaltungswissenschaftler Fritz Scharpf, die sich später in der gemeinsamen Leitung des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung fortsetzte.
Die Untersuchungen dieser Periode hatten einen spezifischen Praxisbezug, der ungeachtet einer primär grundlagentheoretischen Orientierung auch die weiteren Forschungen von Renate Mayntz kennzeichnete. Themen und Herangehensweisen der Untersuchungen von Entscheidungs- und Koordinationsprozessen in der Ministerialverwaltung sowie später zur Implementation politischer Programme waren jeweils so zugeschnitten, dass daraus zwar keine sozialwissenschaftliche Politikberatung im Sinne von Rezeptwissen für besseres Entscheidungsmanagement hervorging, wohl aber um so nachhaltigere Reflexionsanstöße. Derartiges Orientierungswissen verschafft den Praktikern durch eine “inkongruente Perspektive”, eine neue Sicht auf ihr Tun, überraschende Einsichten und vermag längerfristig sehr wohl Handlungsroutinen und sogar institutionelle Prozeduren und Strukturen zu verändern. Das bestätigt die Wirkungsgeschichte dessen, was Renate Mayntz, Fritz Scharpf und ihre Mitarbeiter damals aufgedeckt haben.
Das schon damals sichtbare gesellschaftstheoretische Interesse kam ab Mitte der achtziger Jahre im Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, das Renate Mayntz gegründet hatte, voll zur Entfaltung. Mit einiger Vereinfachung kann man den Weg, den Renate Mayntz in ihren Forschungen zurückgelegt hat, durch die drei Stationen der Organisations-, der Politik- und der Gesellschaftsforschung kennzeichnen. Ein alle drei Werkphasen verbindendes Generalthema bildet das politische Element sozialen Handelns, also das Streben nach einer bewussten Gestaltung sozialer Prozesse und Strukturen in seinem spannungsreichen Wechselspiel von oft übermächtigen ungesteuerten sozialen Dynamiken. Zunächst konzentrierten sich die Studien auf die binnenperspektivische Betrachtung formaler Organisationen als prägenden Sozialgebilden moderner Gesellschaften. Hinzu kam die Analyse interorganisatorischer Beziehungen zwischen Ministerien, anderen Verwaltungsbehörden und deren ihrerseits organisierten Adressaten. Schließlich wandte sie sich der Untersuchung der wiederum über Organisationen vermittelten Netzwerke zwischen staatlichen Steuerungsinstanzen und großen gesellschaftlichen Sektoren wie dem Gesundheitssystem, dem Forschungssystem sowie verschiedenen großtechnischen Systemen zu. Das ist ein äußerst konsequent gegangener Weg, dessen rückblickende Betrachtung es offenkundig werden lässt, wie sehr bei Renate Mayntz die Politikforschung von der Organisationsforschung und die Gesellschaftsforschung von den beiden vorhergehenden Forschungsphasen profitiert hat.
Gerade die – wiederum gemeinsam mit Fritz Scharpf konzipierte und geleitete – Gesellschaftsforschung konnte sich in zahlreichen Projektthemen vielgestaltig auffächern, weil Renate Mayntz nun ein Institut zur Verfügung stand, in dem unter Einschluss von Doktoranden und Stipendiaten etwa zwanzig Wissenschaftler mit- und nebeneinander arbeiteten. Die reiche Ernte an Fachpublikationen, die das Kölner Institut mittlerweile hervorgebracht hat, trägt durchgängig auch ihre Handschrift. Sie ist es, die das Institut auf seinen Weg gebracht hat – genauer: sie hat es auf ihren eigenen Weg mitgenommen, der sie unbeirrbar an zahllosen kurzlebigen intellektuellen Moden vorbei zu einem der dauerhaften Kernprobleme zeitgenössischer Gesellschaften geführt hat: Auf gesellschaftliche Steuerung haben wir uns mit dem aufklärerischen Impuls der Selbstbestimmung unserer Lebensverhältnisse unwiderruflich eingelassen; wie kann diese nun unter Bedingungen hoher und immer noch steigender gesellschaftlicher Komplexität und Dynamik zu einer Verbesserung gesellschaftlicher Selbstgestaltung führen – und damit mehr als nur gutgemeint (und womöglich im Ergebnis gar katastrophal) sein?
1 Zum Aspekt Hinwendung zur Soziologie vgl. auch Renate Mayntz, 1996: Mein Weg zur Soziologie: Rekonstruktion eines kontingenten Karrierepfades. In: Christian Fleck (Hrsg.), Wege zur Soziologie nach 1945. Biographische Notizen. Opladen: Leske + Budrich, 225–235
Ausgewählte Werke
1963: Soziologie der Organisation. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.
1968 (Hrsg.): Bürokratische Organisation. Neue Wissenschaftliche Bibliothek, Band 27. Köln: Kiepenheuer und Witsch.
1973 (mit Fritz W. Scharpf, Hrsg.): Planungsorganisation. Die Diskussion um die Reform von Regierung und Verwaltung. München: Piper.
1975 (mit Fritz W. Scharpf): PolicyMaking in the German Federal Bureaucracy. Amsterdam: Elsevier.
1978: Soziologie der öffentlichen Verwaltung. 3. überarb. Auflage 1985. Heidelberg: C.F. Mueller Juristischer Verlag.
1980 (Hrsg.): Implementation politischer Programme. Empirische Forschungsberichte. Königstein/Ts.: Athenäum.
1983 (Hrsg.): Implementation politischer Programme II. Ansätze zur Theoriebildung. Opladen: Westdeutscher Verlag.
1985: Forschungsmanagement Steuerungsversuche zwischen Scylla und Charybdis. Probleme der Organisation und Leitung von hochschulfreien, öffentlich finanzierten Forschungsinstituten. Opladen: Westdeutscher Verlag.
1988 (mit Bernd Rosewitz, Uwe Schimank, Rudolf Stichweh): Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme. Schriften des Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln. Frankfurt a.M.: Campus.
1988 (mit Thomas P. Hughes, Hrsg.): The Development of Large Technical Systems. Schriften des Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln. Frankfurt a.M.: Campus.
1991 (mit Bernd Marin, Hrsg.): Policy Networks. Empirical Evidence and Theoretical Considerations. Frankfurt a. M.: Campus.
1994 (unter Mitarbeit von Hans-Georg Wolf): Deutsche Forschung im Einigungsprozess. Die Transformation der Akademie der Wissenschaften der DDR 1989 bis 1992. Schriften des Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln. Frankfurt/M.: Campus.
1995 (mit Fritz W. Scharpf, Hrsg.): Gesellschaftliche Selbstregelung und politische Steuerung. Schriften des Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln. Frankfurt a.M.: Campus.
1997: Soziale Dynamik und politische Steuerung. Theoretische und methodologische Überlegungen. Frankfurt a. M.: Campus.
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