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Lebensstile und Milieus

Der soziologische Milieubegriff fasst Gruppen zusammen, die sich hinsichtlich ihrer Werthaltungen, Prinzipien der Lebensgestaltung, Beziehungen zu Mitmenschen und Mentalitäten ähneln.

Ausgewählte Grafiken zur Lebensstile- und Milieustruktur Deutschlands
Quelle: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, 3. Aufl., Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 128ff.

Eine Lebensstiltypologie für Deutschland


Die Milieustruktur Westdeutschlands


Die Milieustruktur Ostdeutschlands
 
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Soziale Milieus
Auszug aus: Hradil, Stefan 2001: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 8. Aufl., Opladen: Leske und Budrich, S. 425ff.

Bestimmt das Sein das Bewusstsein?
"In Untersuchungen des Gefüges sozialer Ungleichheit auf der Grundlage von Klassen- und Schichtkonzepten wird in der Regel davon ausgegangen, dass mit bestimmten äußeren Lebensbedingungen mehr oder minder eng bestimmte innere Haltungen (Klassenbewusstsein, Klassenpraxis, schichtspezifisches Denken und Verhalten etc.) einhergehen. Hinter diesen ´klassischen’ Konzepten stehen Vorstellungen und Erfahrungen, nach denen ´das Sein das Bewusstsein’ bestimmt. Demgegenüber geht in die Konzeption von ´Sozialen Milieus’ und ´Lebensstilgruppierungen’ die Annahme ein, dass die ´subjektiven’ Lebensweisen einer sozialen Gruppierung durch deren ´objektive’ Lebensbedingungen zwar angeregt, beeinflusst oder begrenzt sein mögen, keineswegs aber völlig geprägt sind. (...)
Neuere soziologische Milieubegriffe beziehen neben dem Umfeld von Menschen auch dessen typische Wahrnehmung und die damit im Zusammenhang stehenden Werthaltungen der Menschen in die Betrachtung ein. So fassen auch die [in den obigen Abbildungen] dargestellten ´sozialen Milieus’ Gruppen Gleichgesinnter zusammen, die jeweils ähnliche Werthaltungen, Prinzipien der Lebensgestaltung, Beziehungen zu Mitmenschen und Mentalitäten aufweisen. Diejenigen, die dem gleichen sozialen Milieu angehören, interpretieren und gestalten ihre Umwelt in ähnlicher Weise und unterscheiden sich dadurch von anderen sozialen Milieus. Kleinere Milieus, zum Beispiel Organisations- oder Stadtviertelmilieus, weisen darüber hinaus häufig einen inneren Zusammenhang auf, der sich in einem gewissen Wir-Gefühl und in verstärkten Binnenkontakten äußert."

Schichtzugehörigkeit ist nicht gleich Milieuzugehörigkeit
"Die Abbildung des Milieugefüges in Westdeutschland zeigt durch die Anordnung entlang der senkrechten Achse, dass die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu keineswegs unabhängig von der Schichtzugehörigkeit ist. Es gibt vielmehr typische Unterschicht-, Mittelschicht und Oberschicht-Milieus. Welche Werthaltungen und Lebenseinstellungen ein Mensch aufweist, ist also durchaus mitbestimmt von seiner Einkommenshöhe, seinem Bildungsgrad und seiner Berufsstellung. Aber diese schichtungsrelevanten Lebensbedingungen geben keineswegs zureichend über die Milieuzugehörigkeit Auskunft. Innerhalb der einzelnen Schichten finden sich in aller Regel mehrere Milieus ´nebeneinander’. Zum Teil erstrecken sich soziale Milieus auch ´senkrecht’ über Schichtgrenzen hinweg.
Die sozialen Milieus unterscheiden sich ferner nach dem Grade ihrer Traditionsverhaftung, nach dem Grade des Wertewandels von ´alten’ hin zu ´neuen’ Werten. Dies macht die Abbildung durch die Anordnung der einzelnen Milieus entlang der waagrechten Achse deutlich. Die Angehörigen z.B. des (...) ´Traditionellen Arbeitermilieus’ weisen Mentalitäten auf, die dem Bewahren, dem Festhalten am Bewährten, den Pflichten der Menschen und ihrem Eingebunden-Sein in Regeln und moralische Normen großes Gewicht beimessen. Dem entgegen gesetzten Pol nahe stehen Milieus, in denen die Menschen dem jeweils Neuen nachstreben und sich als einzelne relativ losgelöst von Bindungen und Zugehörigkeiten empfinden. Im Rahmen dieser ´modernen’ Milieus finden sich zwar Gemeinsamkeiten des individuellen Bewusstseins und Verhaltens, aber kaum ein Bewusstsein der Gemeinsamkeit mit anderen Milieuzugehörigen und schon gar nicht Gefühle des Zusammengehörens und Zusammenstehens. (...)
Die Zugehörigkeit zu einem sozialen Milieu muss nicht lebenslang andauern. Durch Umbrüche im privaten oder beruflichen Leben, durch den Wechsel von Sozialkontakten sowie durch damit in Verbindung stehende Einstellungsänderungen können sich die Werthaltungen der Menschen von einem Milieu zum andern bewegen. Gleichwohl kann die Milieuzugehörigkeit nicht umstandslos durch bewusste Entscheidungen ´gewählt’ oder gewechselt werden. Tiefsitzende Einstellungen und Sozialisationserfahrungen sowie die Verwobenheit in Sozialkontakte lassen im Allgemeinen nur langsame Änderungen von Milieustrukturen und -zugehörigkeiten zu."

Wandel in Ostdeutschland
"Das Milieugefüge Ostdeutschlands war zum Zeitpunkt der Vereinigung in fast allen Teilen verschieden von den westdeutschen Milieus. Seither sind Annäherungsprozesse unübersehbar. Aber auch Ende der 90er Jahre unterschieden sich die ostdeutschen Milieus noch deutlich von denen der alten Bundesländer. Traditionellere und gemeinschaftsbewusste Mentalitäten waren in den neuen Bundesländern wesentlich verbreiteter, insbesondere in den Bevölkerungsteilen mit den typischen Mentalitäten von Arbeiter- und Bauern-Unterschichten auf der einen und in den oberschichttypischen Milieus auf der anderen Seite. Die typischen Mittelschichtmilieus, zumal individualistisch konkurrenzorientierte und jene mit den ´neuen’ Werthaltungen, bleiben in den neuen Bundesländern (noch) in der Minderheit. Die westdeutschen Milieus konzentrieren sich dagegen in mittleren Soziallagen, weil moderne Dienstleistungsberufe und individualisiertere Lebensweisen immer größeren Raum einnehmen." (Tabelle zur Entwicklung der Milieustruktur: pdf-Datei, 237kb)

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Lebensstile
Auszug aus: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, 3. Aufl., Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 126ff.

"Unter Lebensstil wird ein relativ stabiles, regelmäßig wiederkehrendes Muster der alltäglichen Lebensführung verstanden - ein ´Ensemble’ von Wertorientierungen, Einstellungen, Deutungen, Geschmackspräferenzen, Handlungen und Interaktionen, die aufeinander bezogen sind; es weist in der Regel die vier folgenden Merkmale auf:
  • Lebensstile sind bereichsübergreifend mit einem Schwerpunkt im Freizeit- und Konsumbereich. Neben diesem Bereich beziehen sie sich auf Familienleben, Geschmack und kulturelle Interessen, manchmal auch - meist aber mehr am Rande - auf Arbeit und Politik.
  • Lebensstilanalysen rücken expressiv-ästhetische Orientierungen und Handlungen ins Zentrum - die mehr oder weniger bewusste Selbstdarstellung (Stilisierung) der Individuen in Fragen des Geschmacks und der kulturellen Interessen.
  • Lebensstile haben ganzheitlichen, sinnhaften Charakter. Ihre verschiedenen Elemente ergeben für die Individuen ´ein Ganzes’ und machen ´subjektiven Sinn’.
  • Lebensstile sind identitätsstiftend und distinktiv (abgrenzend, ausgrenzend). Sie schaffen individuelle oder auch kollektive Identitäten, weil sich Menschen oder Gruppen mit einem bestimmten Muster der Lebensführung identifizieren.
Einige Lebensstilkonzepte haben einen sozialkritischen Akzent. Sie orientieren sich am Werk des französischen Klassikers Pierre Bourdieu mit dem Titel ´La Distinction’ (1979) (deutsch: ´Die feinen Unterschiede’) und weisen darauf hin, dass Identitätsstiftung mit Distinktion einher geht - mit Abgrenzung gegenüber anderen, die Ausgrenzung und Abwertung bedeuten kann.
Band/Müller bringen ihr Konzept der Lebensstile auf folgende komprimierte Definition: "´Lebensstile´ bezeichnen ästhetisch-expressive, relativ ganzheitliche Muster der alltäglichen Lebensführung von Personen und Gruppen, die in einem bestimmten Habitus und einem strukturierten Set von Konsumpräferenzen, Verhaltensweisen und Geschmacksurteilen zum Ausdruck kommen."
Da die Soziologie nicht an individuellen Mustern der Lebensführung interessiert ist, sondern an Lebensstilen, die in der Gesellschaft verbreitet sind und von vielen Menschen geteilt werden - sozusagen an den ´Mustern der Muster’ -, steht sie vor der Aufgabe, die nahezu unendliche individuelle Vielfalt der Lebensstile zu Typen zu bündeln. Verschiedene Untersuchungen kommen dabei zu verschiedenen, aber durchaus ähnlichen Typologien von Lebensstilen. (...)

In ihrer Anfangsphase in den 80er Jahren war die deutsche Lebensstilforschung stark von der ´subjektivistisch-voluntaristischen Entkoppelungstheorie’ geprägt: Danach ´entkoppeln’ sich Lebensstile zunehmend von den objektiven Lebensbedingungen der Menschen. Aus der Perspektive des Individuum stellt sich dieser Vorgang wie folgt dar: Individualisierungstendenzen machen den Einzelnen immer freier, sich für den einen oder anderen Lebensstil zu entscheiden.
Viele Studien der 90er Jahre zeigen jedoch (...), dass äußere Lebensbedingungen der ´freien Wahl’ eines Lebensstils deutliche Grenzen setzen; Unterschiede im Lebensstil hängen stark mit Unterschieden in den objektiven Lebensumständen zusammen. Es ist nicht überraschend, dass dabei das Alter eine wichtige Rolle spielt, dass junge Menschen ihr Leben anders organisieren und ´stilisieren’ als alte.
Vermutlich spielen bei der Entstehung der Unterschiede zwischen Jung und Alt zwei mögliche Ursachen zusammen: der Generationeneffekt - die unterschiedliche Prägung der Generationen durch unterschiedliche Zeitumstände - und der Lebenszykluseffekt - Persönlichkeitsveränderungen im Zuge des Älterwerdens. Aber auch Statusunterschiede - insbesondere das Bildungsniveau, auch die Berufsposition und das verfügbare Einkommen - sowie das Geschlecht beeinflussen die alltägliche Lebensführung.
Nicht zuletzt weichen die Lebensstile von Ostdeutschen und Westdeutschen teilweise voneinander ab."

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Letzte Änderung: 02.03.2004