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Generationenmobilität

"Vom Tellerwäscher zum Millionär" schaffen es die Wenigsten. Wie aber ist es im allgemeinen um die Aufstiegschancen und Abstiegsgefahren der Kinder gegenüber ihren Eltern bestellt?

Entwicklung der Generationenmobilität in Deutschland
Auszug aus: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, 3. Aufl., Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 313ff.

"Die einfach klingende Frage, ob die Generationenmobilität in der Bundesrepublik zugenommen hat, ob die Bundesrepublik eine ´offenere’ Gesellschaft geworden ist, war unter Mobilitätsforschern lange Zeit umstritten. Angesichts der Erschütterungen der Gesellschaft durch den Zweiten Weltkrieg - Zerstörung, Vertreibung, Flucht, Verluste an Besitz und Vermögen, Lücken in der Bevölkerungsstruktur durch die Kriegsopfer, Neuaufbau von Existenzen, schnelles Wirtschaftswachstum - liegt die Vermutung nahe, dass die Gesellschaft stark in Bewegung geriet und sozial durcheinander gewirbelt wurde. Andererseits lassen sich auch mobilitätshemmende Faktoren ausmachen: Lastenausgleich für verlorenes Vermögen, eine restaurative Wirtschaftsordnung und eine Wirtschaftspolitik, die Besitz sichert und Kapitalvermehrung begünstigt.

Empirische Analysen lieferten bis in die 70er Jahre widersprüchliche und umstrittene Resultate zur Entwicklung der Generationenmobilität. Neuere Studien ergeben ein eindeutigeres Bild. Ihre Ergebnisse, die sich überwiegend auf Männer beziehen, lassen sich zu drei Thesen komprimieren:
  1. Die Gesellschaft der Bundesrepublik ist in den 60er und 70er Jahren mobiler geworden.
  2. Es sind insbesondere die Aufstiegschancen gestiegen, während die Bedrohung durch sozialen Abstieg zurückgegangen ist.
  3. Die zurückgelegten Entfernungen ´nach oben’ sind in den 70er und 80er Jahren größer geworden.

Zu These 1: Mobilitätszunahme. Der Sozialhistoriker Hartmut Kaelble unterscheidet drei große Schichten und stellt fest: der Anteil der Söhne, die in der Schicht ihrer Väter verblieben waren, sank von 70 % im Jahr 1955 auf 56 % im Jahr 1969. Die Entwicklung in den 70er Jahren ist durch Kohortenanalysen dokumentiert. Bei dieser Methode werden Mobilitätstrends anhand der Mobilität von verschiedenen Geburtsjahrgängen - der sozial wissenschaftliche Spezialausdruck für Geburtsjahrgang ist ´Kohorte´ - untersucht. Der Anteil der Söhne, die im Vergleich zum Status ihrer Väter weder auf- noch abgestiegen sind, hat sich in den 70er Jahren weiterhin geringfügig verringert.

Zu These 2: Zunahme der Aufstiegschancen und Abnahme der Abstiegsgefahren. Charakteristisch für die Dynamik der 60er und 70er Jahre ist ein erheblicher Schub an Aufwärtsmobilität bei gleichzeitigem Rückgang der Abwärtsmobilität. 1970 standen einem Abstieg 1,8 Aufstiege gegenüber, 1979 bereits 2,5. In der Kohortenanalyse von Handl wird belegt, dass die Töchter und Söhne aus allen Schichten - auch aus Familien von un- und angelernten Arbeitern, Facharbeitern und Bauern - in den 60er Jahren bessere Zugangschancen zur höheren Dienstleistungsschicht erhielten. (...)
Immer mehr Söhnen aus den unteren und mittleren Schichten gelingt der Aufstieg in die Gruppen der gehobenen bzw. höheren Angestellten und Beamten. Vergleicht man die Berufseinsteiger der 40er Jahre mit denjenigen der 70er Jahre, dann hat sich der Anteil der Aufsteiger bei Männern von 27 % auf 38 % erhöht, bei den Frauen sogar von 35 % auf 46 %.
In den 80er Jahren nehmen dann nur noch die Aufstiegschancen der Frauen zu, nicht mehr die der Männer. Auch Hartmann weist nach, dass die Aufwärtsmobilität in den drei letzten Jahrzehnten - insbesondere in die expandierende obere Dienstleistungsschicht - angestiegen ist. (...)

Zu These 3: Zunahme der LangstreckenmobiIität. Vertikale Mobilität war in der Bundesrepublik bis in die 70er Jahre Kurzstreckenmobilität in die benachbarten Schichten. Der traumhafte Aufstieg aus einfachen Verhältnissen in oberen Schichten gelingt nur wenigen; und noch seltener taucht die extreme soziale Deklassierung auf, der ´freie Fall’ aus den oberen Etagen der Gesellschaft ins Kellergeschoss.
Kleining hat die Mobilitätsdistanzen in einem 6-Schichten-Modell für die Geburtsjahrgänge 1930-1949 quantifiziert und festgestellt: jeder 5. steigt in die nächst höhere Schicht auf, jeder 10. steigt über zwei Schichten auf und nur jedem 50. gelingt ein Aufstieg über drei Schichten. Ein Abstieg über drei Schichten droht nur jedem 100. (...)
1970 schafften nur 5 % der Arbeitersöhne den Aufstieg in die Schicht der gehobenen und höheren Dienstleistungsberufe, 1979 waren es bereits 11 %. Bei den Söhnen von einfachen Angestellten und Beamten (einschließlich Meister) stieg der entsprechende Anteil von 12 % auf 22 %. Nach Hartmann haben sich langfristig die Chancen für Söhne von Landwirten verbessert, höhere Dienstleistungsberufe zu ergreifen. (...)
Hinter der geschilderten zunehmenden Dynamik stecken zwei miteinander zusammenhängende Entwicklungstendenzen der Berufs- und Schichtstruktur; die eine ´erzwingt’ Aufstiegsmobilität, die andere erleichtert sie. Den ersten Aspekt des Strukturwandels kann man als Umschichtung nach oben bezeichnen. Mit dem Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft, mit der Expansion der Dienstleistungsberufe, mit den höheren Qualifikationsanforderungen in der Berufswelt, mit der Verlagerung des Gewichts von der körperlichen zur geistigen Arbeit schrumpfen die unteren Schichten der manuell Arbeitenden, gleichzeitig dehnen sich mittlere und obere Schichten im tertiären Sektor aus.

Diese Umschichtung nach oben ´erzwingt’ Aufstiegsmobilität und behindert massenhaften sozialen Abstieg. Zu den schrumpfenden unteren Schichten gehören seit langem die Bauern und die un- und angelernten Arbeiter, seit den 70er Jahren auch zunehmend die Facharbeiter; sie ´stoßen Menschen ab’. Die expandierenden mittleren und höheren Dienstleistungsschichten dagegen ´ziehen Menschen an’. Die Unterschichtung der Sozialstruktur durch die ethnischen Minderheiten in den 60er und 70er Jahren hat der deutschen Bevölkerung noch zusätzliche Aufstiegsmöglichkeiten gebracht, da die Arbeitsmigranten vorwiegend die unterste Ebene der Schichtungshierarchie besetzten.
Erleichtert wird der Schichtwechsel durch eine zweite Entwicklung: durch die zunehmende Dominanz der relativ offenen Bildungsschichten über die relativ geschlossenen Besitzschichten. Die Zugehörigkeit zu den Besitzschichten des alten Mittelstandes - insbesondere Bauern, aber auch andere Selbstständige, vor allem Besitzern von größeren Betrieben - ist an die Verfügung über Betriebsmittel, Kapital oder Grund und Boden gebunden. Daher sind Übergänge ´von außen’ in diese Schichten relativ schwer.
In die Bildungsschichten dagegen - Angestellte, Beamte - wird der Zugang über Ausbildungszertifikate ermöglicht, die leichter zur erwerben sind als Kapital oder Grund und Boden. Dabei sind Bildungsschichten nachweislich vergleichsweise offen. Durch die Ausdehnung der höheren und mittleren Dienstleistungsschichten auf Kosten des alten Mittelstandes öffnet sich also die Sozialstruktur."

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Mobilitätschancen in Abhängigkeit vom Beruf der Eltern
Auszug aus: Hradil, Stefan 2001: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 8. Aufl., Opladen: Leske und Budrich, S. 395ff.

"Verwendet man das Goldthorpe-Klassenschema als Maßstab, so zeigt sich, dass die intergenerationellen Auf- und Abstiegschancen der einzelnen Klassen im Verhältnis zu den Chancen der anderen Klassen in neun europäischen Gesellschaften einander sehr ähnlich sind. (...)
Die Bundesrepublik Deutschland gehört allerdings zu den Nationen, welche die größten Abweichungen von der gemeinsamen internationalen Chancenstruktur aufweisen. Hier bestätigen sich (...) Hypothesen, denen zufolge besonders in Deutschland das standardisierte System beruflicher Ausbildung und die ausgeprägte ´Kragenlinie’ zwischen Angestellten und Arbeitern Mobilitätshindernisse darstellen.
Beide Charakteristika der bundesdeutschen Klassenstruktur zusammengenommen reduzieren vor allem die relative Chance der Kinder unqualifizierter Arbeiter, in nichtmanuelle Tätigkeiten zu wechseln, und zwar nicht nur in höher qualifizierte nichtmanuelle Tätigkeiten sondern auch in unqualifizierte. Demgegenüber ist die relative Chance der nicht qualifizierten Angestellten und des Kleinbürgertums (z.B. selbstständige Handwerker, Inhaber kleinerer Geschäfte etc.) in der Bundesrepublik vergleichsweise hoch, in die ´Dienstklassen’ einzutreten.

Die Kinder nicht manuell arbeitender Berufsgruppen sind in der Bundesrepublik besser als in vielen anderen Ländern dagegen gesichert, in Arbeiterberufe abzusteigen. Ebenso deutlich lassen sich die starken internen Differenzierungen innerhalb der bundesdeutschen Arbeiterschaft aufgrund des deutschen Berufsausbildungssystems nachweisen, denn ´während in der Bundesrepublik die Chancen von Kindern qualifizierter Arbeiter und vor allem der Meister besser sind als in den Vergleichsländern, sind die der Kinder un- und angelernter Arbeiter umso schlechter’ (Müller).
Über die zeitliche Entwicklung von gruppenspezifischen Mobilitätschancen wissen wir wenig. Insbesondere ist umstritten, ob sich ein international einheitlicher Trend zu größerer Chancengleichheit beobachten lässt. Für Deutschland schien bis zum Ende der 70er Jahre festzustehen, dass sich die Chancen der höheren und gehobenen Angestellten und Beamten verbessert haben, ihren Berufsstatus an ihre Kinder zu ´vererben’. Dies spricht für weniger Chancengleichheit. Allerdings haben sich auch, ausgehend von niedrigem Niveau, die Chancen der Söhne von un- und angelernten Arbeitern verbessert, in die höhere und gehobene Angestellten- und Beamtenschaft vorzudringen. Das spricht wiederum für etwas mehr Chancengleichheit.
Neuere Studien kommen für die 80er und 90er Jahre zum Ergebnis, dass die in Deutschland schon traditionelle Abschließung der ´oberen Dienstklasse’ gegen intergenerationellen Aufstieg allmählich aufzuweichen beginnt. Die trotz mäßiger wirtschaftlicher Bedingungen und relativ hoher Arbeitslosigkeit größere Zugänglichkeit wird auf die immer bessere Qualifikation der Bevölkerung zurückgeführt. Über die hohe Bildung, die für die Positionen höherer Angestellter und Beamter notwendig ist, verfügen immer öfter auch die Kinder anderer Berufsgruppen.

Am unteren Rand der Sozialstruktur verringert sich das Risiko der Söhne gering qualifizierter Arbeiter, ihren Lebensunterhalt erneut als un- oder angelernte Arbeiter verdienen zu müssen. Insgesamt liegen die Chancen der ´Statusvererbung’ am oberen Bereich der Sozialstruktur und die Risiken, im unteren Bereich zu bleiben, aber immer noch erheblich über dem Durchschnitt. Die Entwicklung des relativen Chancenmusters der Bundesrepublik Deutschland folgt keinem eindeutigen Trend. In jüngster Zeit ist eine Tendenz zur Öffnung von Spitzenpositionen der Sozialstruktur zu erkennen, die mit der zunehmenden Bildungsbeteiligung in Verbindung gebracht wird."

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Letzte Änderung: 27.02.2004