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Armut
Deutschland liegt mit einer Armutsquote von 16 % knapp unter dem Durchschnitt der EU von
17 %. Während früher insbesondere Ältere und Frauen von Armut bedroht waren, haben sich in den vergangenen Jahren neue Risikogruppen herauskristallisiert: Arbeitslose, kinderreiche Familien, Alleinerziehende und Ausländer geraten bedeutend öfter in Armut als andere Bevölkerungsgruppen.
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Ausgewählte Grafiken zur Entwicklung von Armut
Quelle: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands. Gesellschaftliche Entwicklungen vor und nach der Vereinigung, 3. Aufl., Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 248ff. |
Entwicklung der Armutsquoten in Deutschland
Auszug aus: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands. Gesellschaftliche Entwicklungen vor und nach der Vereinigung, 3. Aufl., Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 247ff.
Kriterien der Armutserfassung
"Wenn Sozialwissenschaftler versuchen, das Ausmaß und die Entwicklung von Armut zu quantifizieren, arbeiten sie meist mit dem vergleichsweise einfachen Ressourcenansatz zur Einkommensarmut, seltener mit den komplexeren Lebenslagen- und Deprivationskonzepten.
Der Ressourcenansatz greift auf ökonomische Kriterien - in der Regel auf vergleichsweise einfache Indikatoren für die Einkommenssituation - zurück. Zwei in der Armutsforschung gebräuchliche Arten der Messung machen verschiedene Facetten von Armut - oder genauer:
Einkommensarmut - in der Bundesrepublik sichtbar: 1. die ´bekämpfte’ und ´verdeckte’ Einkommensarmut nach der ´offiziellen’ Armutsgrenze des Bundessozialhilfegesetzes; 2. verschiedene Varianten der relativen Einkommensarmut, wobei unterschiedliche Armutsgrenzen nach dem relativen Abstand zum Durchschnittseinkommen von Haushalten mit gleicher Personenzahl gezogen werden - die 60-%-Grenze, die 50-%-Grenze (sie wird in der Regel in international vergleichenden Studien, z. B. innerhalb der EU, benutzt) und die 40-%-Grenze, die häufig auch als strenge Armut bezeichnet wird.
Da eine kontinuierliche nationale Armutsberichterstattung fehlt, liefert die problematische Statistik der Sozialhilfe die längsten Datenreihen zur Armutsentwicklung über große Zeiträume. Das komplexe System von Sozialhilfeleistungen soll den soziokulturellen Mindestbedarf für ein menschenwürdiges Leben sicherstellen und greift ein, wenn Personen oder Familien nicht mehr in der Lage sind, das gesellschaftlich zuerkannte Existenzminimum aus eigener Kraft oder durch andere soziale Versorgungsleistungen zu sichern."
Entwicklung der Sozialhilfe
"Der Mindestbedarf, der durch die Sozialhilfe garantiert wird, lässt sich also als die politisch festgesetzte Armutsgrenze ansehen. Er errechnet sich nach einem komplizierten Verfahren und liegt etwas über der 40-%-Grenze.
Haushalte von Sozialhilfeempfängerinnen mussten 1996 mit monatlich 511 Euro pro Person auskommen. Das waren 43 % der Summe, die in einem Durchschnittshaushalt zur Verfügung stand.
Wirtschaftswachstum, Verbesserung der Beschäftigungssituation und Wohlstandssteigerung führten dazu, dass die Zahl der Fürsorgeempfänger (bis 1962) bzw. Empfänger von ´laufender Hilfe zum Lebensunterhalt´ (HLU) von 1,6 Millionen im Jahr 1950 auf den Tiefststand von 510.000 im Jahr 1969 sank.
Seit 1970 kehrte sich der Trend entgegen den ursprünglichen Erwartungen um: in den 70er und 80er Jahren rutschten kontinuierlich immer mehr Menschen unter die Sozialhilfegrenze. 1982 war die Millionengrenze überschritten, 1992 die Zweimillionengrenze, und 1997 wurde in den alten Ländern der bisherige Höchststand von 2,51 Millionen Sozialhilfeempfängern (HLU) erreicht.
Die Anzahl der Personen, die vorübergehend staatliche Hilfe zur Sicherung ihres soziokulturellen Existenzminimums in Anspruch nehmen, ist also dramatisch angestiegen: sie hat sich in den letzten drei Jahrzehnten mehr als vervierfacht und machte im Jahr 2000 3,4 % der westdeutschen Gesamtbevölkerung aus: 2,8 % der Deutschen und 8, 1 % der Ausländer sind auf laufende Hilfe Lebensunterhalt angewiesen.
Bei der Interpretation dieser Zahlen müssen die vielen Tücken der Sozialhilfestatistik beachtet werden. Die HLU-Daten unterschätzen z. B. erheblich die Zahl der Menschen, die unter bzw. an der Sozialhilfegrenze leben müssen, weil sie die so genannte ´Dunkelziffer der Armut’ - auch ´verdeckte Armut´ genannt - nicht erfassen. Viele arme Menschen wissen gar nicht, dass ihnen in ihrer Situation Sozialhilfe zusteht, und viele - insbesondere ältere Menschen -scheuen auch den Gang zum Sozialamt aus Stolz oder Scham, aus Furcht vor der Stigmatisierung als Almosenempfänger, oder auch, weil sie verhindern möchten, dass Kinder oder andere Verwandte zur finanziellen Mithilfe in einigen Fällen verpflichtet werden, wie es das Sozialhilfegesetz gemäß dem Subsidiaritätsprinzip vorsieht.
Der Umfang der verdeckten Armut lässt sich nur schätzen und enthält Unsicherheitsspielräume. Mehrere Studien lassen den Schluss zu, dass in den drei letzten Jahrzehnten nur weniger als die Hälfte der Sozialhilfeberechtigten ihre Ansprüche auf staatliche Unterstützung auch wirklich geltend gemacht haben.
1995 bezogen nur 51 % der westdeutschen Sozialhilfeberechtigten und 30 % der Ostdeutschen die ihnen eigentlich zustehende staatliche Unterstützung. Rechnet man die Dunkelziffer zur Zahl der Sozialhilfeempfänger hinzu, dann lebten in Deutschland Ende 2000 etwa 5,8 Millionen bzw. rund 7 % der Bevölkerung an oder unter der offiziellen Armutsgrenze."
Die Entwicklung der Einkommensarmut
"Die Entwicklung der relativen Einkommensarmut in Abb. 10.2 [siehe oben, mittleres Bild] basiert auf der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. Deren Daten sind zuverlässiger als andere Surveydaten. Sie zeichnen ein dramatischeres Bild vom Umfang der Armut als die Sozialhilfestatistik, aber ein weniger dramatisches von ihrem Anstieg. Zwischen 1962 und 1973 schrumpft der Bevölkerungsteil, der mit 50 % des durchschnittlichen Einkommens leben muss, um etwa ein Drittel zusammen.
Nach 1978 dehnt er sich jedoch - wegen der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit und wegen Einschränkungen im sozialen Sicherheitssystem - erneut kontinuierlich aus und liegt 1998 mit knapp 11 %wieder etwas über dem Niveau von 1962.
Unter der 50-%-Grenze leben erheblich mehr Menschen als an oder unter der offiziellen Sozialhilfegrenze - 1998 waren danach rund 7,4 Millionen Westdeutsche und etwa 320.000 Ostdeutsche arm.
Im EU-Vergleich wird neuerdings die 60-%-Grenze als ´poverty line’ angesehen (Abb. 10.3 [siehe oben, rechtes Bild]. Danach liegt Deutschland 1996 mit einer Armutsquote von 16 % knapp unter dem EU-Durchschnitt von 17 %. Besonders erfolgreich im Kampf gegen die Armut sind Finnland und Dänemark, aber auch Luxemburg und die Niederlande. Am weitesten ist Armut in Portugal und Griechenland verbreitet."
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Armutsrisiken in bestimmten Bevölkerungsgruppen
Auszug aus: Hradil, Stefan 2001: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 8. Aufl., Opladen: Leske und Budrich, S. 252ff.
"Bestimmte Bevölkerungsgruppen haben aus unterschiedlichen Gründen ein wesentlich größeres Risiko als andere, mit Einkommen an oder unterhalb der Armutsgrenzen auskommen zu müssen.
Häufig wird angenommen, ältere Menschen und Frauen seien besonders häufig arm. Dies war früher in der Tat der Fall. So war das Armutsrisiko (50%-Grenze) der Älteren zu Beginn der 60er Jahre noch etwa doppelt so hoch wie das der Gesamtbevölkerung. Und im Jahre 1963 bezogen fast doppelt so viele Frauen laufende Sozialhilfe wie Männer. Das relative Armutsrisiko beider Gruppen ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken. Rentenerhöhungen haben es ermöglicht, dass ältere Menschen - vermutlich erstmals in der Geschichte - seltener arm sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Und die immer häufigere Armut arbeitsloser Männer hat dazu geführt, dass Frauen nur noch unwesentlich häufiger arm sind als Männer.
Im Jahre 1995, als (nach der 50%-Grenze) ca. 12 % der Menschen in Westdeutschland und 8 % der ostdeutschen Bevölkerung als arm eingestuft wurden, waren ´nur´ 8% der über 65-Jährigen in Westdeutschland arm. In Ostdeutschland war Altersarmut in den 90er Jahren infolge der Sonderregelungen nach Übertragung der westdeutschen gesetzlichen Rentenversicherung kaum mehr vorhanden.
Frauen waren 1995 in Westdeutschland mit 12,7 % nur noch geringfügig häufiger arm (50%-Grenze) als Männer. In Sozialhilfeabhängigkeit geraten Frauen jedoch nach wie vor deutlich häufiger als Männer. Sie bezogen Ende 1995 zu 3,4 % laufende Sozialhilfe, während nur 2,7 % der Männer von ´laufender Hilfe zum Lebensunterhalt´ existieren mussten.
Mögen die alten Armutsrisiken der Alten und der Frauen nicht mehr hervorstechen; es sind neue Risikogruppen der Armut entstanden. Ein Strukturwandel führte weg von der Armut der Älteren, der Frauen und der Alleinstehenden, hin zur Armut Jüngerer und größerer Familien: Die Haushalte von Arbeitslosen, Alleinerziehenden, kinderreichen Familien und Ausländern geraten sehr viel häufiger in Armut als andere. Insbesondere müssen Kinder besonders häufig in Armut aufwachsen.
Arbeitslose, genauer gesagt: Haushalte mit mindestens einem arbeitslosen Mitglied, waren schon seit Anfang der 80er Jahre etwa drei Mal so oft arm wie der Rest der Bevölkerung. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Sie unterliegen nach wie vor in Westdeutschland einem Armutsrisiko von etwa 30 %. In den neuen Bundesländern hat es bis zur Wende keine nominelle Arbeitslosigkeit gegeben. Von diesem Stand Null ist das Verarmungsrisiko Arbeitsloser in Ostdeutschland bis Mitte der 90er Jahre auf ca. 25 % gestiegen. Da die Menschen in den neuen Bundesländern bis 1990 in einer extrem abgesicherten Gesellschaft gelebt haben und auf Arbeitslosigkeit in keiner Weise vorbereitet waren, wird dieser Anstieg als überaus bedrohlich empfunden.
Schon im Jahre 1962/63 waren doppelt so viele Alleinerziehende mit ihren Kindern arm als im Bevölkerungsquerschnitt. Seither ist die Armutsquote unter Alleinerziehenden bis 1995 auf das Dreifache des ´Normalen´ (31 %) gestiegen. Vor allem sind es die ca. 85 % weiblichen Alleinerziehenden, selten sind es die männlichen Alleinerziehenden, die in Armut geraten.
Im Gefolge wachsender Arbeitslosigkeit und zunehmender Anteile von Alleinerziehenden verarmen immer mehr Familien mit mehreren Kindern. Das Armutsrisiko der Kinder nimmt in Westdeutschland seit den 80er Jahren, in Ostdeutschland seit der Wende ständig zu. Während 1980 nur ca. 2 % der Kinder unter 7 Jahren von Sozialhilfe leben mussten, etwa so häufig wie ältere Menschen, war bis 1993 die Sozialhilfequote der kleinen Kinder auf 7,3 % gestiegen, jene der Alten dagegen auf etwa 1,5 % gefallen. Damit musste jedes 14. Kind unter 7 Jahren in einem Haushalt aufwachsen, dessen Lebensstandard lediglich auf Sozialhilfeniveau lag. Diese Zahlen zeigen die Tendenz hin zu einer Infantilisierung der Armut sehr deutlich. Armut wurde von der älteren auf die jüngere Generation verlagert.
Eine starke Verschiebung hat sich auch hin zur Armut von Ausländern ergeben. Bis etwa 1980 bezogen Ausländer seltener als Deutsche laufende Sozialhilfe. Im Jahre 1993 lebten Ausländer schon fünf Mal so häufig wie Deutsche von Sozialhilfe (einschl. Asylbewerber). Seit dem Jahre 1994 ist mit Inkrafttreten des ´Asylbewerberleistungsgesetzes´
die Versorgung von Asylbewerbern aus der Sozialhilfe ausgegliedert. Asylbewerber erhalten nunmehr geringere Leistungen, als sie das Bundessozialhilfegesetz vorsieht. Danach war das Sozialhilferisiko von Ausländern ca. drei Mal so hoch wie das von Inländern."
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