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Arbeitslosigkeit

Der Arbeitsmarkt in Westdeutschland hat sich seit Kriegsende in drei Phasen entwickelt: Die Phase des Wiederaufbaus wurde gefolgt von einer Phase der Vollbeschäftigung, diese ist wiederum seit etwa 1974 von einer Phase der Massenarbeitslosigkeit abgelöst worden. Heute haben insbesondere Jüngere, Ältere, Frauen, Ausländer und Schwerbehinderte Schwierigkeiten, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten.


Ausgewählte Grafiken zur Arbeitslosigkeit
Quelle: Statistisches Bundesamt 2002: Statistisches Jahrbuch 2002, Stuttgart: Metzler-Poeschel, S. 125.

Arbeitslosigkeit und offene Stellen


Alter nach Alter, Geschlecht und Ausbildungsstatus


Arbeitslose nach Dauer ihrer Arbeitslosigkeit
 
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Rückblick auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit
Auszug aus: Hradil, Stefan 2001: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 8. Auflage, Opladen: Leske und Budrich, S. 187ff.

"Insgesamt lassen sich drei Phasen der Arbeitsmarktentwicklung für Westdeutschland unterscheiden. Die Entwicklung kann anhand von Abb. 10 (pdf-Datei, 202kb) nachvollzogen werden, wo die Arbeitslosenquote (untere Kurve) an der rechten Ordinate und die absolute Zahl von Erwerbstätigen und Erwerbspersonen (die beiden oberen Kurven) an der linken Ordinate abgetragen ist. Die Differenz der beiden oberen Kurven zeigt die Zahl der Arbeitslosen.

Die erste Phase des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders reicht von der Gründung der Bundesrepublik bis zum Ende der 50er Jahre. In dieser Zeit konnte die Arbeitslosenquote von 10,4 % im Jahre 1950 auf 1,3 % im Jahre 1960 gesenkt werden. Dies war in den 50er Jahren besonders schwierig, weil Arbeitslosigkeit abgebaut und gleichzeitig die nach Westdeutschland strömenden Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden mussten: Bis zum Jahre 1950 waren ca. 8 Mio. Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten im früheren Bundesgebiet aufgenommen worden, was einem Anteil von 16 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Außerdem gelangten bis 1961 ca. 3 Mio. Übersiedler aus der DDR in das frühere Bundesgebiet.

Die hohe Arbeitslosigkeit der frühen 50er Jahre war überwiegend strukturelle Arbeitslosigkeit. Zum einen war das Wirtschaftswachstum zunächst noch zu gering, um die steigende Nachfrage nach Erwerbsarbeit zu befriedigen. Zum anderen entstand Arbeitslosigkeit auf dem Lande, weil Zuwanderer wegen des in Städten fehlenden Wohnraums vor allem in ländlichen Gebieten angesiedelt wurden, obwohl Arbeitsplätze allenfalls in Industriestädten vorhanden waren.
Die Zahl der Erwerbstätigen konnte dann allerdings zwischen 1950 und 1960 um mehr als 3 Millionen angehoben werden. Das durchschnittliche reale Wirtschaftswachstum von jährlich 8 % in den 50er Jahren steigerte die Nachfrage nach Arbeitskräften enorm.

Die zweite Phase der Vollbeschäftigung dauerte vom Anfang der 60er Jahre bis zum ersten Ölpreisschock 1973. Abgesehen von der Konjunktur- und Strukturkrise 1966/67, als die Arbeitslosenquote vorübergehend auf 2,1 % stieg, blieb die Quote unter dem 1960 erreichten Wert von 1,3 %. Die Arbeitslosigkeit war fast ausschließlich friktioneller und saisonaler Natur.
Es herrschte Arbeitskräftemangel. Er hatte seine Ursachen nicht nur im wirtschaftlichen Wachstum und der steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften, sondern auch im sinkenden Arbeitskräfteangebot: Der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter an der Wohnbevölkerung nahm ab, weil die schwachen Geburtsjahrgänge aus dem Zweiten Weltkrieg ins erwerbsfähige Alter eintraten. Außerdem verlängerten sich die Ausbildungszeiten und die Arbeitszeiten wurden kürzer.

Mit der Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften, den ´Gastarbeitern’, wirkte man dem Arbeitskräftemangel entgegen. Die Zahl der in Deutschland ansässigen Ausländer stieg zwischen 1961 und 1973 um über 3 Mio. Die Anzahl ausländischer Arbeitnehmer nahm um über 2 Mio. zu.
Dennoch wuchs wegen der geburtenschwache Kriegsjahrgänge (s. o.) die Zahl der Beschäftigten in dieser Zeit nur um weniger als 1 Mio. Dies konnte einzig und allein mit der Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte erreicht werden. 1973 erließ die Bundesregierung angesichts rückläufiger Konjunktur einen Anwerbestopp, um die Einreise zur Arbeitsaufnahme aus Anwerbestaaten zu unterbinden.

Die dritte Phase der Massenarbeitslosigkeit begann im Jahre 1974. Sie betrifft seit der Wiedervereinigung im Jahre 1990 vor allem auch die Menschen in den neuen Bundesländern. Die Beschäftigungsentwicklung war seit Mitte der 70er Jahre geprägt durch mehrere Rezensionen (1974/75, 1981/82, 1992/93). In deren Folge wurden jedes Mal Arbeitsplätze abgebaut.
Der Abbau von Arbeitsplätzen konnte zwar nach jeder Rezession in den Phasen wirtschaftlicher Erholung wieder vollständig durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze ausgeglichen werden. Aber die jeweiligen Steigerungen der Arbeitslosigkeit konnten infolge des anhaltenden Zustroms von Arbeitssuchenden auf den Arbeitsmarkt niemals wieder vollständig rückgängig gemacht werden. So erhöhten die Wirtschaftskrisen jeweils den ´Sockel’ an Arbeitslosigkeit und aus konjunktureller wurde strukturelle Arbeitslosigkeit. Dies drückt sich in einem treppenförmigen Anstieg der Arbeitslosenquote seit 1973 aus.
Insgesamt stieg die Arbeitslosenquote im früheren Bundesgebiet von 1,2 % im Jahre 1973 auf 9,9 % im Jahre 1999 (und 19,0 % in den neuen Bundesländern), womit das Niveau der frühen 50er Jahre übertroffen wurde. Dieser Anstieg vollzog sich, obwohl zwischen 1972 und 1997 etwa 0,6 Mio. mehr Arbeitsplätze geschaffen wurden, als verloren gingen.

Berücksichtigt man dieses Beschäftigungswachstum, so ist zu erkennen, dass die seit 1974 steigende Arbeitslosigkeit in Westdeutschland letztlich auf die Vermehrung der Erwerbspersonen zurückzuführen ist. Hauptsächlich ist dies in der zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen begründet, die durch Erwerbstätigkeit und die davon abhängige soziale Sicherung ihr eigenes Leben gestalten wollten oder mussten."

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Problemgruppen des Arbeitsmarktes
Auszug aus: Statistisches Bundesamt 2002: Datenreport 2002, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 103ff.

Grafik

"Zu den so genannten ´Problemgruppen’ auf dem Arbeitsmarkt zählen insbesondere Jüngere, Ältere, Frauen, Ausländer und Schwerbehinderte."

Risiken für ältere Arbeitnehmer
"Grundsätzlich haben ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wegen der längeren Betriebszugehörigkeit und dem damit verbundenen Kündigungsschutz ein vergleichsweise geringes Risiko, arbeitslos zu werden. Sind sie aber einmal arbeitslos, ist es für sie häufig sehr viel schwerer als für Jüngere, eine neue Beschäftigung zu finden. Ende September 2000 gab es in Deutschland 792 700 Arbeitslose, die 55 Jahre oder älter waren. Gegenüber dem Vorjahr hat sich diese Zahl aber um 14,2% verringert. Der Anteil der 55-jährigen oder älteren Arbeitslosen betrug im selben Jahr bundesweit 21,5 %. Im früheren Bundesgebiet gab es im September 2000 knapp 554 000 Arbeitslose über 55 Jahre, das sind 13,0% weniger als im entsprechenden Vorjahresmonat.
In diesem Zusammenhang ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Arbeitslosigkeit älterer Menschen durch die Regelung des § 428 SGB III (ehemals § 105 c AFG) erheblich reduziert wird. Ältere Arbeitslose können danach auch dann Lohnersatzleistungen beziehen, wenn sie der Arbeitsvermittlung nicht mehr voll zur Verfügung stehen und somit nicht als Arbeitslose gezählt werden. Allerdings wurde diese Regelung - zum Teil aus demographischen Gründen - im früheren Bundesgebiet seit 1998 seltener in Anspruch genommen als noch in den früheren Jahren; im Jahresdurchschnitt 2000 waren es 109 800 Personen (1999: 112 200 Personen). In den neuen Bundesländern war im selben Jahr bei der Inanspruchnahme des § 428 SGB III ebenfalls ein Rückgang zu verzeichnen, und zwar um 6 200 auf rund 82 300 im Jahresdurchschnitt."

Risiken für weibliche Arbeitnehmer
"Frauen sind stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Männer. Im Jahresdurchschnitt 2000 lag die Arbeitslosenquote der Frauen in Deutschland, gemessen an allen abhängigen Erwerbspersonen, bei 10,9 %, die der Männer bei 10,5 %. Im Westen unterschritt die Arbeitslosenquote der Frauen mit 8,5 % die der Männer (8,8 %) geringfügig. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist im Osten ausgeprägter. Im Jahresdurchschnitt 2000 betrug die Arbeitslosenquote bei den Männern 17,7 % (1999: 17,1 %), bei den Frauen aber 19,9 %(1999: 20,9 %). Dass die Arbeitslosenquote der Frauen in den neuen Bundesländern zuletzt gesunken ist, dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass sich viele Frauen - in Anbetracht der anhaltend schwierigen Arbeitsmarktlage - verstärkt vom Arbeitsmarkt
zurückziehen."

Risiken für ausländische Arbeitnehmer
"Als besonders schwierig erweist sich die Arbeitsmarktlage für die ausländische Bevölkerung. Zwischen 1960 und 1970 waren Ausländerinnen und Ausländer - um den bestehenden Arbeitskräftemangel zu beheben - als ´Gastarbeiter’ angeworben worden. Heute gehören sie zu den Problemgruppen des Arbeitsmarktes. Zwar ist die Arbeitslosigkeit im Jahr 2000 gegenüber dem Vorjahr jahresdurchschnittlich um 7,7 % auf 471 000 Personen gesunken, doch nach wie vor ist das Risiko, arbeitslos zu werden, für Ausländerinnen und Ausländer doppelt so groß wie für Deutsche.
Die hohe Arbeitslosigkeit von Ausländern beruht zum Teil auf einer geringeren sprachlichen und beruflichen Qualifikation; dies verringert Einstellungschancen und vergrößert das Risiko den Arbeitsplatz zu verlieren. Im Jahresdurchschnitt 2000 waren im früheren Bundesgebiet 436 800 Ausländerinnen und Ausländer arbeitslos gemeldet, sie stellten damit 17,3 % aller Arbeitslosen. Die Arbeitslosenquote unter der ausländischen Bevölkerung betrug 16,4 %.
In den neuen Ländern und Berlin-Ost spielt die Arbeitslosigkeit von Ausländern nach wie vor nur eine kleine Rolle. Hier waren 34 200 Ausländerinnen und Ausländer im Jahresdurchschnitt 2000 arbeitslos gemeldet, was lediglich einem Anteil von 2,5 % an allen Arbeitslosen entspricht."

Schwierigkeiten für behinderte Arbeitssuchende
Geringere Beschäftigungschancen als Gesunde haben Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Ihr Anteil an den Arbeitslosen im früheren Bundesgebiet lag im September 2000 bei 29,2 % (September 1999: 27,8 %), in den neuen Ländern und Berlin-Ost bei 20,6 % (19,5 %). Schwerbehindert und deshalb besonders schwer zu vermitteln waren in den alten Ländern im September 2000 ebenso wie im Jahr zuvor 5,9 % aller Arbeitslosen, in den neuen Ländern 2,9% (2,8 %)."

Ein gemischtes Bild für jugendliche Arbeitssuchende
"Der Arbeitsmarkt für Jüngere hat sich im Westen im Jahr 2000 weiterhin günstig entwickelt. So lagen die Arbeitslosenquoten im Jahresdurchschnitt bei den unter 20-Jährigen mit 5,9 %, bei den 20- bis 24-Jährigen mit 8,5 % und bei den unter 25-Jährigen mit 7,7% deutlich unter denen des Vorjahres (1999: 7,9 %; 9,6 %; 9,1 %). Die anhaltend günstige Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit beruht großenteils darauf, dass deutlich weniger Arbeitslosmeldungen nach betrieblicher oder außerbetrieblicher Ausbildung von den Arbeitsämtern registriert wurden. Von Einfluss war auch die positive Tendenz auf dem Ausbildungsstellenmarkt.
Dagegen hat die Jugendarbeitslosigkeit in den neuen Ländern und Berlin-Ost nach einem Rückgang in 1999 wieder deutlich zugenommen.
Im Jahresdurchschnitt 2000 gab es 155 000 jüngere Arbeitslose unter 25 Jahren, das sind 13 % mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote stieg entsprechend von 15,8 % im Jahr 1999 auf 16,6 %. Der Anstieg bei den 20- bis unter 25-Jährigen war fast doppelt so stark wie bei den unter 20-Jährigen (+ 15% auf 121 600 bzw. + 8% auf 34 100)."

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Arbeitslosigkeit nach Qualifikationsniveau
Auszug aus: Hradil, Stefan 2001: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 8. Auflage, Opladen: Leske und Budrich, S. 198f.

Grafik

"Das Arbeitslosigkeitsrisiko von Erwerbstätigen wird von ihrem Qualifikationsniveau am stärksten beeinflusst. Arbeitskräfte ohne Berufsausbildung stellen in Ost- und Westdeutschland die am schlechtesten gestellte Problemgruppe des Arbeitsmarktes dar. In Westdeutschland betrug im Jahre 1997, als insgesamt 9,5% aller Erwerbspersonen arbeitslos waren, die Arbeitslosenquote für Personen ohne beruflichen Abschluss volle 24,2%. In Ostdeutschland war die Arbeitslosenquote der Personen ohne beruflichen Abschluss mit 55% noch wesentlich höher, während die Arbeitslosenquote der Absolventen einer Lehre oder Berufsfachschule 'nur' 20,1% betrug.

Die unqualifizierten Arbeitnehmer bilden nicht nur wegen ihres hohen aktuellen Arbeitslosigkeitsrisikos die problematischste Gruppierung des Arbeitsmarktes. Ihre Arbeitsplätze werden überdies nach allen verfügbaren Prognosen in Zukunft mehr und mehr wegfallen. Zudem ist die Gruppe der unqualifizierten Arbeitslosen sehr groß. Im Jahre 1999 machte sie 37,6% aller Arbeitslosen in Deutschland aus.
Die verfügbaren Daten zeigen zugleich, dass eine weiterführende Ausbildung nach wie vor relativ gut gegen Arbeitslosigkeit schützt. Der Durchschnitt der Erwerbspersonen war im Jahre 1996 fast dreimal so häufig arbeitslos wie Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten. Wenn auch die erzielbaren Mehreinkommen ('Bildungsrenditen') gesunken sind und Hochqualifizierte teilweise mit Berufspositionen vorlieb nehmen müssen, die vor Jahren noch weniger Gebildeten offen standen: Für die Sicherheit gegen Arbeitslosigkeit ist eine marktgängige Qualifikation unersetzlich."

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Letzte Änderung: 23.09.2004