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Herkunft und Bildungschancen
Seit den 60er Jahren ist Bewegung ins deutsche Bildungssystem gekommen. Die Bildungsexpansion hat die Bildungschancen für alle Schichten erhöht, aber zu einem Abbau der Chancenunterschiede zwischen den Schichten ist es kaum gekommen. Auffällig sind in dieser Hinsicht auch die großen Unterschiede zwischen den Bundesländern sowie die schlechteren Aussichten für Kinder mit Migrationshintergrund.
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Die Entwicklung von Bildungsungleichheit nach sozialer Herkunft
Auszug aus: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, S. 345f.
"Bildungspolitische Passivität und mangelndes Problembewusstsein hatten zur Folge, dass sich in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten an der starken Benachteiligung der Unterschichtenkinder im Bildungssystem der Bundesrepublik nur wenig änderte.
Mit 5 % lag der Anteil der Arbeiterkinder unter den Studierenden im Jahr 1959/60 nur wenig über den Prozentsätzen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, die zwischen 2 und 4 % schwankten. Erst in den 60er Jahren kam Bewegung in die Bildungspolitik. Die gesellschaftspolitische Forderung nach einer Verbesserung der Bildungschancen für bisher benachteiligte Gruppen wies bildungspolitisch in dieselbe Richtung wie der Ruf der Wirtschaft nach mehr Absolventen mit höheren Qualifikationen.
Wie hat sich die Bildungsexpansion auf die schichtspezifische Ungleichheit der Bildungschancen ausgewirkt? Zunächst ist festzuhalten, dass sie den Kindern aus allen Bevölkerungsschichten zugute gekommen ist. Soziologisch interessant ist jedoch die Frage, ob dabei gleichzeitig eine Umverteilung der Bildungschancen zugunsten der benachteiligten unteren Schichten stattgefunden hat. (...)
Vom Ausbau der Realschulen profitierten zwischen 1970 und 1989 insbesondere die Kinder von Arbeitern (einschließlich Arbeiterelite), von Landwirten und von ausführenden Dienstleistern. Auf der Ebene des mittleren Bildungsniveaus sind also die Chancen zugunsten der benachteiligten Schichten umverteilt worden.
Anders sieht es hingegen an den Gymnasien aus. Die Hauptgewinner der gymnasialen Expansion sind die Kinder - insbesondere die Töchter - des nichtlandwirtschaftlichen Mittelstands sowie der höheren Dienstleistungsschicht, die bereits 1950 die besten Bildungschancen hatten. Recht gut mithalten konnten auch die Kinder der mittleren Angestellten und Beamten. Die Kinder von einfachen Dienstleistern und der Arbeiterelite dagegen und insbesondere die Arbeiterkinder haben trotz gestiegener Chancen gegenüber allen anderen Gruppen an Boden verloren.
Zudem stagniert der Chancenzuwachs der Arbeiterkinder in den 80er Jahren. Beim Wettlauf um die höheren Bildungsabschlüsse haben sich also die Chancenabstände zwischen privilegierten und benachteiligten Gruppen vergrößert. Aus dem Blickwinkel der ´Chancenproportionen’ bzw. ´relativen Chancenunterschiede’ sind die Abstände zwischen den Schichten - je nach Bezugspunkt - stabil geblieben oder haben sich etwas verringert.
Noch krasser wirkt der soziale Filter beim zunehmenden Run auf die Universitäten. Den Ausbau der Hochschulen nutzten ebenfalls insbesondere junge Menschen aus Gruppen, deren Studienchancen bereits 1969 vergleichsweise gut waren - Söhne und in noch stärkerem Maße Töchter von Selbstständigen (Zuwachs unter den Studienanfängern bis 2000 um 30 Prozentpunkte), von Beamten (26 Prozentpunkte) und von Angestellten (11 Prozentpunkte).
Trendanalysen liegen nicht vor, aber es dürfte sich bei den Gewinnern der Hochschulexpansion um dieselben Schichten handeln, die auch in bes. Maße von der Ausdehnung der Gymnasien profitierten.
Der Chancenzuwachs der Arbeiterkinder von 4 Prozentpunkten nimmt sich dagegen sehr bescheiden aus. 1990 kletterte zwar ihre Studierquote erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik über die Fünfprozentmarke auf 7 %. Aber das Jahrhundertniveau der Arbeiterkinder liegt nur halb so hoch wie allein der Chancenzuwachs der Selbstständigenkinder im letzten Jahrzehnt (14 Prozentpunkte). (...)
Die universitären Studienchancen der Kinder von Selbstständigen mit Abitur liegen um das 14fache höher als diejenigen der Kinder aus Facharbeiterfamilien und sogar um das 41fache (!) höher als diejenigen der Kinder von Ungelernten. Deren Bildungskarriere endet häufiger auf einer Sonderschule (7 %) als auf einer Fachhochschule oder Universität (jeweils 2 %).
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die Bildungsexpansion hat zwar die Bildungschancen für alle Schichten erheblich erhöht, aber zu einer Umverteilung der Chancen, zu einem Abbau der Chancenunterschiede zwischen den Schichten ist es nur bei den mittleren Abschlüssen gekommen. Die Chancen auf eine höhere Ausbildung an Gymnasien und Universitäten sind dagegen nach wie vor sehr ungleich verteilt."
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Der Einfluss sozialer Herkunft im Vergleich der Bundesländer
Auszug aus: Stanat, Petra et al. 2002: PISA 2000: Die Studie im Überblick, Berlin: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, S. 19f.
"In allen Ländern der Bundesrepublik besteht ein Zusammenhang zwischen der Schulform, die ein Jugendlicher besucht, und der Sozialschichtzugehörigkeit seiner Familie. Die sozialen Disparitäten sind beim Gymnasialbesuch besonders ausgeprägt. Aber auch hier bestehen zwischen den Ländern bedeutsame Unterschiede:
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- Auffällig sind die relativ großen Unterschiede im sozialen Gefälle zwischen den alten und den neuen Ländern. In den neuen Ländern sind die relativen Chancen eines Gymnasialbesuchs deutlich weniger sozialschichtabhängig. Am ausgeprägtesten ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung in den Ländern Bayern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein.
- In einer Reihe von Ländern bleibt der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Sekundarschulbesuch auch dann noch erheblich, wenn man die Bildungsbeteiligung von Schülerinnen und Schülern gleicher kognitiver Grundfähigkeiten und gleicher Lesekompetenz, aber unterschiedlicher sozialer Herkunft vergleicht. Diese sozialen Disparitäten im engeren Sinne sind in Bayern, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Niedersachsen besonders ausgeprägt. Auch bei gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und gleicher Lesekompetenz ist in diesen Ländern die relative Chance, statt einer Realschule ein Gymnasium zu besuchen, für ein Kind aus der obersten Sozialschichtgruppe über vier- bis sechsmal so groß wie für ein Arbeiterkind.
- In allen Ländern der Bundesrepublik Deutschland ist ein ungewöhnlich straffer Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und der am Ende der Sekundarstufe I erworbenen Lesekompetenz zu beobachten. Im internationalen Vergleich ist dies ein gemeinsames Merkmal aller Länder. Dennoch sind die regionalen Unterschiede in der Kopplung von Herkunft und Kompetenzerwerb bemerkenswert groß (vgl. Abbildung: pdf-Datei, 25 kb)."
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Die Entwicklung von Bildungsungleichheit zwischen Deutschen und Ausländern
Auszug aus: Hradil, Stefan 2001: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 8. Auflage, Opladen: Leske und Budrich, S. 170ff.
"Als in den 60er Jahren ´entdeckt’ wurde, dass die Bildungschancen bestimmter Gruppierungen viel ungleicher waren als bis dahin angenommen, zählten Ausländer noch nicht zu den als benachteiligt erkannten Gruppen. Dazu waren es zu wenige. Es gab im Jahre 1960 nur 1,2 % Ausländer in der Bundesrepublik. Dabei handelte es sich, vor dem Zustrom von ´Gastarbeitern’, auch keineswegs um bildungsferne Personen.
Seither ist der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Deutschland beträchtlich gestiegen. Im Jahre 1970 lebten schon 4,9 %, 1980 bereits 7,2 % in Westdeutschland und 1995 wurden in der Bevölkerung Gesamtdeutschlands 8,8 % Ausländer gezählt. Es waren vor allem ausländische Arbeitnehmer und ihre Familien, Asylbewerber und Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten, die nach Deutschland gekommen waren.
Die Kinder jener ausländischen Familien brachten häufig sehr nachteilige Voraussetzungen für den Besuch von Schulen und Hochschulen mit. Obwohl seit den 80er Jahren eine gewisse Verbesserung der Situation eingetreten ist, haben ausländische Kinder nach wie vor besonders schlechte Bildungschancen.
Dies zeigt sich auf allen Ebenen des Bildungswesens: Im Jahre 1994 mussten wesentlich mehr von den ausländischen als von den deutschen Absolventen ihrer Schulpflicht in einer Sonderschule für Lernbehinderte genügen; ein fast doppelt so hoher Anteil der ausländischen als deutschen Jugendlichen erlangte nur einen oder aber keinen Hauptschulabschluss; dagegen erreichten wesentlich mehr unter den deutschen als unter den ausländischen Schüler(inne)n den Realschulabschluss; und ein fast drei Mal so hoher Prozentsatz der jungen Deutschen als der Ausländer schaffte die Hochschulreife.
Vergleicht man die Herkunftsländer ausländischer Jugendlicher, so fällt auf, dass türkische Schülerinnen und Schüler besonders selten gehobene Schulabschlüsse erreichen. Vergleicht man männliche und weibliche Schüler, so findet man, dass unter den ausländischen Mädchen und deren Eltern die Distanz zu Bildungseinrichtungen geringer wird: Sie erreichen mittlerweile häufiger einen Bildungsabschluss als ausländische Jungen.
Blickt man zurück, so wird sichtbar, dass sich das Niveau der Schulabschlüsse ausländischer Jugendlicher seit den 80er Jahren deutlich erhöht hat. So verließen im Jahre 1983 ein gutes Drittel (34 %) und 1994 nur noch ein knappes Sechstel (15, 8 %) der Ausländerkinder die Schule ohne Abschluss. Aber gleichzeitig hat sich auch das Bildungsniveau deutscher Schüler erhöht. Daher sind die Abstände der Bildungschancen zwischen deutschen und ausländischen Schülern im allgemeinbildenden Schulsystem nur in den 80er Jahren kleiner geworden. Seither sind sie im Wesentlichen gleich geblieben.
Im Berufsausbildungswesen schließen ausländische Jugendliche allmählich zu den deutschen auf. Noch trennt sie aber viel: In den 90er Jahren absolvierten prozentual nur ungefähr halb so viele von den ausländischen Jugendlichen eine Lehre als von den deutschen. Zudem erlernen ausländische Jugendliche selten Berufe im aussichtsreichen Dienstleistungsbereich: meist machen sie eine Lehre in der Industrie und im Handwerk.
Volle 40 % der 14- bis 18-jährigen ausländischen Jugendlichen blieben noch im Jahre 1993 ohne jede Ausbildung. Mehr als die Hälfte der jungen Frauen und fast die Hälfte der jungen Männer, die im Jahre 1997 zwischen 20 und 30 Jahre alt waren, haben keinen beruflichen Ausbildungsabschluss."
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PISA: Ausländer im Bildungswesen immer noch stark benachteiligt
Auszug aus: Stanat, Petra et al. 2002: PISA 2000: Die Studie im Überblick, Berlin: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, S. 20f.
"Auch die Situation von Kindern aus zugewanderten Familien wird in PISA
untersucht:
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- 15-Jährige mit einem im Ausland geborenen Elternteil unterscheiden sich in der Bildungsbeteiligung kaum von Jugendlichen, deren Eltern beide in Deutschland geboren sind. Sind jedoch beide Eltern zugewandert, so ist die Situation erheblich ungünstiger. Von den Kindern mit in Deutschland geborenen Eltern besuchen mehr als 30 Prozent das Gymnasium; in der Gruppe der Kinder, deren Eltern im Ausland geboren sind, beträgt der Anteil nur knapp 15 Prozent. Für den Hauptschulbesuch liegen die entsprechenden Quoten bei etwa 25 und fast 50 Prozent.
- Diese Unterschiede in den Chancen der Bildungsbeteiligung verschwinden, wenn man die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler kontrolliert. Vergleicht man also Jugendliche, die ähnlich gut lesen können, ist keine Benachteiligung von Kindern aus Zuwanderungsfamilien mehr zu beobachten. Demnach ist für diese Gruppe die Sprachkompetenz die entscheidende Hürde in ihrer Bildungskarriere.
- Fast 50 Prozent der Jugendlichen, deren Eltern beide zugewandert sind, überschreiten im Lesen nicht die elementare Kompetenzstufe I, obwohl über 70 Prozent von ihnen die gesamte Schullaufbahn in Deutschland absolviert haben.
- Die sprachlichen Defizite scheinen sich auch auf die Leistungen in Mathematik und den Naturwissenschaften auszuwirken. Unzureichendes Leseverständnis beeinträchtigt also auch den Kompetenzerwerb in den Sachfächern.
- Die Zuwanderungsprozesse in den PISA-Teilnehmerstaaten sind zum Teil sehr unterschiedlich. Deutschland ist in Bezug auf die Zuwanderungsraten am ehesten mit Schweden vergleichbar. Es zeigt sich, dass die Situation von Zuwanderern in Schweden (wie auch in fast allen anderen Staaten) deutlich günstiger ist als in Deutschland. Auch wenn die Familien an ihrer Herkunftssprache festhalten, sind sie sozial besser integriert, und ihre Kinder erreichen erheblich bessere Leistungen im Lesen (vgl. Abbildung: pdf-Datei, 25 kb).
- Zwischen den Ländern bestehen erhebliche Differenzen im Umfang und der ethnischen Struktur der Zuwanderung. Dies ist im Ost-West-Vergleich offensichtlich. Während die alten Länder faktisch Einwanderungsländer sind, in denen der Anteil der 15-Jährigen mit Migrationshintergrund zum Teil fast ein Drittel, in den Großstädten sogar bis zu 40 Prozent ausmacht, ist die kulturelle Durchmischung in den neuen Ländern quantitativ wenig bedeutsam. Die Ergebnisse für Schülerinnen und Schüler aus Zuwandererfamilien werden daher nur für die alten Länder dargestellt:
- Die Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Jugendlichen mit in Deutschland geborenen Eltern sind in allen untersuchten Kompetenzbereichen erheblich. Das Leistungsgefälle zwischen den Gruppen variiert jedoch von Land zu Land beträchtlich (vgl. Abbildung: pdf-Datei, 23 kb) und unterscheidet sich im Ausmaß auch innerhalb der Länder zwischen den Kompetenzbereichen.
- Die Leistungsunterschiede hängen vom Sprachhintergrund der Zuwanderer, der Verweildauer in Deutschland, den Sprachgepflogenheiten und der Sozialschicht der Familie, aber auch von der schulischen Förderung ab."
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