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Familiale Lebensformen
Bis weit in die 60er Jahre hinein, dem "golden age of marriage", war die sogenannte "Normalfamilie" eine kulturelle Selbstverständlichkeit. Noch heute beträgt die Zustimmung der Jugendlichen zur Ehe 70 Prozent. Dennoch wächst der Anteil an Alleinerziehenden, wobei die "strukturelle" Unvollkommenheit dieses Familientyps nicht unbedingt "funktionelle" Unvollkommenheit zur Folge haben muss.
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Die Entstehung der bürgerlich-modernen Familie
Auszug aus: Meyer, Thomas 2002: Private Lebensformen im Wandel. In: Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, 3. Auflage, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 402f.
"Fragt man nach den Voraussetzungen für die Entstehung der bürgerlichen Familie, so sind vor allem zwei Entwicklungen zu erwähnen. Einerseits die Herausbildung des wohlhabenden und gebildeten Bürgertums (Kaufleute, hohe Beamte, Unternehmer) seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, andererseits die fundamentalen gesellschaftlichen Umschichtungen im Rahmen der Industrialisierung.
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- Durch die Trennung von Berufs- und Wohnstätte wurde die Erwerbsarbeit aus der Familie herausgelöst und ehemals im Familienverband geleistete Aufgaben wie etwa Teile der Kranken- und Altersvorsorgung, Rechtsprechung, Ausbildung und Teile der Erziehung nach außen verlagert.
- Dieser Funktionsverlust bildet die Grundlage für die Herausbildung der privatisierten Familie und die historisch neu- und einzigartige Emotionalisierung und Intimisierung ihres Binnenverhältnisses.
- Den Idealen der Intimgemeinschaft und der ´romantischen Liebesehe’ entsprechend gilt Liebe als zentrales ehestiftendes Motiv und die Ehebeziehung wird ebenso wie die Beziehungen zwischen den Eltern und ihren Kindern (´Entstehung der Idee der Kindheit’) auf eine zunehmend emotional-affektive Basis gestellt.
- Die Aufspaltung der bürgerlichen Gesellschaft in Privatheit und Öffentlichkeit, die man mit Theodor Geiger auch als ´Sondermerkmal neuzeitlichen Daseins’ bezeichnen kann, verbindet sich mit einer polaren Neudefinition der Geschlechtsrollen. Der Mann gilt als Ernährer und das ´Haupt’ der Familie, dem die außerhäusliche Welt zugewiesen wird. Die Frau soll als liebevolle Mutter und Gattin die ´Seele’ der Familie sein, der als Hausfrau die innerhäusliche Welt zugeordnet wird.
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Der weitere historische Strukturwandel der Familie kann hier nur mit wenigen Strichen skizziert werden. Für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist eine zunehmend alle Schichten umgreifende Orientierung am bürgerlichen Familienmodell festzustellen. Realisiert werden konnte dieses Leitbild zunächst aber nur von dem relativ kleinen Kreis privilegierter bürgerlicher Schichten. Entscheidend für die Etablierung und Generalisierung des kollektiv einheitlichen, bürgerlich eingefärbten Familientyps im Verlauf des 20. Jahrhunderts waren die tief greifenden Wandlungsprozesse der 1950er und 1960er Jahre.
Im Zuge des ´Wirtschaftswunders’ verbesserten sich die Voraussetzungen des Familienlebens sowohl hinsichtlich des Einkommens als auch in Bezug auf den Besitz langlebiger Konsumgüter rapide. Nicht zuletzt war es der Ausbau der sozialen Sicherungssysteme, der den ´Abschied von der Proletarität’ bewirkte, die Familien der unteren Schichten aus ökonomischen Notlagen befreite und zum Abbau der ehedem nach sozialen Gruppen und Schichten stark divergierenden Familienformen beitrug.
Bis weit in die 60er Jahre hinein, dem ´golden age of marriage’, war die so genannte ´Normalfamilie’ eine kulturelle Selbstverständlichkeit und ein millionenfach fraglos gelebtes Grundmuster. Sie galt der großen Bevölkerungsmehrheit als die einzig gesellschaftlich ´richtige’ und rechtlich legitimierte private Lebensform. Man heiratete relativ früh und den Statistiken ist eine enorme Ehefreudigkeit zu entnehmen. 95 % der Bevölkerung hatten wenigstens einmal im Leben geheiratet. Die Zahl der Ehescheidungen war niedrig, erwerbstätige Mütter waren relativ selten. Die Ehe mit Kindern war die übliche und normale Lebensform eines erwachsenen Menschen.
Ledig blieben nur katholische Priester und Ordensleute, Frauen, die wegen des Männermangels nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Ehepartner finden konnten, sowie die kleine Gruppe der dezidiert Eheunwilligen. ´Unkonventionelle’ und ´alternative’ Lebensformen wurden bestenfalls als ´Notlösungen’ toleriert, in der Regel aber mit offenen oder verdeckten Sanktionen bedacht."
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Die Entwicklung der Lebensform "Alleinerziehende(r)"
Auszug aus: Schäfers, Bernhard 2002: Sozialstruktur und sozialer Wandel in Deutschland, 7. Auflage, Stuttgart: Lucius und Lucius, S. 147f.
"Die Familiensoziologie hat den sog. ´unvollständigen Familien’ stets große Aufmerksamkeit gewidmet, einem zunächst strukturellen Problem, das z. B. von René König in seinen zahlreichen Arbeiten zur Soziologie der Familie immer wieder unter der Fragestellung thematisiert wurde, ob die innere Desorganisation der Familie nicht erheblich zu ihrer sozialen Desorganisation und damit einem problematischen Verhältnis von Familie und gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen beitrage.
Wie bereits hervorgehoben, hat strukturelle Unvollständigkeit der Familie nicht unbedingt ´funktionelle Unvollkommenheit’ zur Folge. So muss also zunächst nach den Ursachen der Unvollständigkeit und sodann nach den verbleibenden Ressourcen für die familialen Funktionen, v. a. die Sozialisationsfunktion, gefragt werden."
Wachsende Zahl Alleinerziehender
"Ein Elternteil kann ausfallen durch Tod, Scheidung oder Getrenntleben der Ehepartner. Wie erläutert, ist in den letzten Jahren hinzugekommen, dass (i. d. R. die Mutter) sich von vornherein entscheidet, das Kind (oder die )Kinder) allein erziehen zu wollen.
1976 waren 9% aller Familien mit minderjährigen Kindern Alleinerziehende, 1985 waren es 12,8 %. Die Zunahme ist vor allem durch die ledigen und geschiedenen allein erziehenden Mütter bedingt. 1985 waren es 803 Tsd. allein erziehende Mütter und ca. 138 Tsd. allein erziehende Väter, mit insgesamt 1,26 Mill. Kindern. Diese Zahlen beziehen sich auf das frühere Bundesgebiet.
1995 war in Deutschland die Zahl der Alleinerziehenden, die Kinder unter 18 Jahren zu betreuen hatten, auf 1,77 Mill. Gestiegen mit insgesamt 2,5 Mill. Kindern. Der Anteil der allein erziehenden Männer betrug 16,2 %."
Sozio-ökonomische Benachteiligung trotz rechtlicher Verbesserung
"Erst in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Situation der allein erziehenden bzw. ledigen Mütter in rechtlicher und sozialpsychologischer Hinsicht verbessert. 1970 wurde durch das Gesetz zur Neuregelung der nichtehelichen Geburten die rechtliche Diskriminierung beendet und ´durch dieses Gesetz ein neuer gesellschaftlicher Status zuerkannt’ (Nave-Herz).
Anders verhält es sich in sozio-ökonomischer Hinsicht: Die Wohnsituation und die ökonomischen Verhältnisse sind in der Mehrzahl der Fälle bei Alleinerziehenden bedrückend; die Überbelastung der zumeist jungen Mütter ist gravierend. Hinzu kommt eine durch die Überbelastung bedingte erhebliche Reduktion von Sozialkontakten. Alles in allem ist auch im Hinblick auf die schulische Situation der Kinder eine soziale Konstellation gegeben, die als ungünstig zu bezeichnen ist.
Nach wie vor ist das Armutsrisiko für die allein erziehenden Mütter am höchsten; ´sie weisen auch den höchsten Anteil an Sozialhilfeempfängerinnen auf, verfügen über das niedrigste Pro-Kopf-Haushaltseinkommen und sind von gesundheitlichen Beeinträchtigungen am ehesten betroffen’ (Nave-Herz).
Diese Befunde verdeutlichen auch, dass das soziale Umfeld für ledige und berufstätige Mütter überwiegend ungünstig ist: Es fehlt an Kinderkrippen und Kindergärten, an Schulhorten (für die Nachmittagsbeaufsichtigung der Kinder), aber auch an der Verfügbarkeit der Großeltern, die z. T. weiter entfernt wohnen, selbst noch berufstätig sind oder ein neues, familiär und verwandtschaftlich verselbständigtes Leben begonnen haben."
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Wie steht die Jugend von heute zur Familie?
Auszug aus: Linssen, Ruth et al. 2002: Wachsende Ungleichheit der Zukunftschancen? Familie, Schule und Freizeit als jugendliche Lebenswelten. In: Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2002. 14. Shell-Jugendstudie, Frankfurt am Main: Fischer, S. 58.
"Jugendliche räumen der Familie einen hohen Stellenwert ein. So geben 70 % der Jugendlichen an, dass man eine Familie zum Glücklichsein braucht. Bei weiblichen Jugendlichen ist die Zustimmung dazu noch größer und beträgt 75 %. Dies ist ein Wert, der annähernd in allen Altersgruppen bei weiblichen Jugendlichen erreicht wird. Bei männlichen Jugendlichen hingegen ist die Zustimmung mit 66 % niedriger und fällt von 70 % bei den 12- bis 14-Jährigen auf 63 % bei den 22- bis 25-Jährigen.
Heiraten ist für die Jugendlichen hingegen nicht Selbstverständliches. Zwar verneint mit 13 % nur jeder Achte die Frage, ob man heiraten sollte, wenn man mit einem Partner zusammenlebt. Aber auf der anderen Seite bejaht auch nur jeder dritte Jugendliche (34 %) diese Frage. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen (52 %) ist bei dieser Frage unentschieden. Sie machen die Frage nach dem Heiraten abhängig von den jeweiligen Umständen.
Hinsichtlich der Geschlechter bestehen bei der Frage nach dem Heiraten interessanterweise keine Unterschiede. Ansonsten fällt auf, dass bei älteren Jugendlichen und solchen aus den alten Bundesländern Heiraten eher in Frage kommt. Bei der sozialen Schichtung ergibt sich der Effekt, dass sowohl Jugendliche aus der Ober- als auch Unterschicht Heiraten sich eher vorstellen können als Jugendliche aus der Mittelschicht. (...)
Mit dem hohen Stellenwert, den die Jugendlichen der Frage beimessen, stellt sich die Frage, inwiefern die Jugendlichen sich vorstellen können, in ihrem eigenen Leben Kinder zu haben. Gefragt wurden hierzu Jugendliche ab 16 Jahre, die noch keine eigenen Kinder haben. In der Altersgruppe der 16- bis 25-Jährigen sind dies 96 %. Nur 4 % der Jugendlichen in diesem Alter haben bereits eigene Kinder, wobei der Anteil bei den weiblichen Jugendlichen mit 7 % im Vergleich zu 1 % bei den männlichen Jugendlichen deutlich höher ist.
Von den Jugendlichen im Alter von 16 bis 25 Jahren ohne eigene Kinder verneinen nur 5 % den Wunsch nach eigenen Kindern. Während 28 % es noch nicht wissen, geben mit 67 % zwei Drittel der Jugendlichen an, später eigene Kinder haben zu wollen.
Hinsichtlich des Kinderwunsches unterscheiden sich die Jugendlichen zum Teil recht deutlich. Mit zunehmendem Alter verringert sich aber nur der Anteil der Unentschlossenen mit der Konsequenz, dass der Anteil der Befragten mit Kinderwunsch mit zunehmendem Alter steigt. Ebenso unterscheiden sich die Jugendlichen entlang des Geschlechts und der regionalen Herkunft. Weibliche Jugendliche und solche aus den neuen Bundesländern bejahen deutlich häufiger die Frage nach dem Kinderwunsch als dies männliche Jugendliche bzw. solche aus den alten Bundesländern machen."
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