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Lebenserwartung und Altersstruktur

Deutschland wird alt: Aus der klassischen "Alterspyramide", die den Altersaufbau der Bevölkerung abbildet, ist eine "zerzauste Wettertanne" geworden.


Ausgewählte Grafiken zur Altersstruktur
Quelle: Statistisches Bundesamt 2002: Datenreport 2002, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S.35f.

Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung Deutschlands seit 1950
Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung Deutschlands seit 1955

Bevölkerung Deutschlands am 31. 12. 1999 nach Altersgruppen und Geschlecht
Bevölkerung Deutschlands am 31. 12. 1999 nach Altersgruppen und Geschlecht

Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands am 31. 12. 1999
Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands am 31. 12. 1999
 
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Weitere Grafiken zur Lebenserwartung

Aktuelle Daten zur Altersstruktur
Auszug: Statistisches Bundesamt 2002: Datenreport 2002, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 34ff.

"Zwischen dem Altersaufbau der Bevölkerung und der Zahl der Geburten sowie der Sterbefälle bestehen enge Wechselbeziehungen. So beeinflusst die Stärke der einzelnen Altersjahrgänge die Zahl der Geburten und Sterbefälle.
Umgekehrt wirken sich Veränderungen der Geburtenhäufigkeit oder der Sterblichkeit unmittelbar auf die zahlenmäßige Besetzung der jeweiligen Jahrgänge aus. Langfristig führen solche Veränderungen u. a. zu einer Verschiebung der Relationen zwischen den Bevölkerungsgruppen im Kindes- bzw. Jugendalter, im erwerbsfähigen Alter und im Rentenalter. Gleichzeitig ändern sich damit auch die Quoten zwischen dem Teil der Bevölkerung, der sich aktiv am Erwerbsleben beteiligt, und dem Teil, der von den Erwerbstätigen unterhalten werden muss.
Um den Altersaufbau der Bevölkerung zu veranschaulichen, verwendet man in der Statistik eine graphische Darstellungsform, die als Alterspyramide beschrieben wird. Während sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch deutlich die klassische Pyramidenform erkennen ließ, gleicht ihr Bild heute eher einer "zerzausten Wettertanne", wie sie der Bevölkerungsstatistiker Flaskämper treffend beschrieben hat.

In dieser Darstellung treten die Wandlungen des Bevölkerungsaufbaus optisch besonders deutlich zutage. Die Unterschiede in der Altersstruktur werden bei der Betrachtung der jüngeren Generation besonders deutlich. Anfang 2000 betrug in Deutschland der Anteil der Nachwachsenden (unter 20-Jährige) 21,3 %. Auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20 bis unter 60 Jahre) entfielen 55,7 %, der Seniorenanteil (60-Jährige und Ältere) betrug 23,0 %. Etwa 4% der Bevölkerung waren hochbetagt (80 Jahre oder älter). Der Jugendquotient (Zahl der unter 20-Jährigen bezogen auf die Zahl der 20- bis unter 60-Jährigen) lag bei 38, während der Altenquotient (Zahl der 60-Jährigen und Älteren bezogen auf die Zahl der 20- bis unter 60-Jährigen) 41 betrug.
Fünfundvierzig Jahre zuvor, Anfang 1955, hatte das Verhältnis von Jugend- zu Altenquotient noch 56:29 betragen.

In Deutschland kommen im Durchschnitt auf 100 neugeborene Mädchen 106 Jungen. Wegen des erhöhten "Sterberisikos" der männlichen Bevölkerung baut sich dieses zahlenmäßige "Übergewicht" jedoch mit zunehmendem Lebensalter ab. Bis zum Alter unter 60 Jahren überwiegt der Männeranteil. In der Altersgruppe der 60- bis unter 70-Jährigen geht die Geschlechterrelation in ein ungefähres Gleichgewicht und schließlich in einen Frauenüberschuss über. Von den 60- bis unter 70-jährigen Personen sind bereits 52% weiblichen Geschlechts. In den obersten Altersgruppen macht sich das höhere Sterberisiko der Männer immer stärker bemerkbar.
So beträgt der Frauenanteil bei den 70- bis unter 80-Jährigen 62% und bei den 80-jährigen oder älteren Personen sogar 74 %. Maßgebend hierfür sind neben der höheren Lebenserwartung der Frauen aber auch die starken Männerverluste im Zweiten Weltkrieg. Auf das Geschlechterverhältnis der Bevölkerung wirken sich ferner Wanderungen aus, an denen Männer im Allgemeinen stärker beteiligt sind als Frauen."

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Ursachen und Folgen steigender Lebenserwartung
Auszug: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, 3. Auflage, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 59f.

"Fortschritte in Medizin, Gesundheitsvorsorge, Hygiene und Unfallverhütung sowie die allgemeine Wohlstandssteigerung hatten zur Folge, dass sich in beiden Teilen Deutschlands im Verlauf der letzten Jahrzehnte die Säuglingssterblichkeit verringerte und die Lebenserwartung deutlich anstieg. Allein im 20. Jahrhundert erhöhte sie sich um rund 30 Jahre. Gegen Ende der 90er Jahre betrug sie für Männer 74,4 und für Frauen 80,6 Jahre. In den 1890er Jahren erreichten nur 34% der Männer und 39% der Frauen das Alter von 60 Jahren; Mitte der 1990er Jahre sind es mehr als vier Fünftel (85%) bzw. mehr als neun Zehntel (93%).
Die "Revolution der Lebensdauer" findet ihren Ausdruck aber nicht nur darin, dass sich die Lebenserwartung verlängert hat. Hinzu kommt, dass sich in den letzten Jahrzehnten die erwartbare Lebenszeit alter und sehr alter Menschen stark erhöht hat. So können 75-jährige Frauen und Männer heute damit rechnen, dass sie 86 bzw. fast 85 Jahre alt werden. So nimmt es nicht Wunder, dass heute weit häufiger als früher drei oder vier Generationen zur gleichen Zeit leben.
Der Sozialhistoriker Arthur Imhof hebt eine zentrale gesellschaftliche Folge der "Langlebigkeit" hervor, nämlich den Wandel von "unsicherer zu sicherer Lebenszeit". In vorindustriellen Zeiten war der Tod ein Ereignis, das Alte wie Junge bedrohte und mit hoher Wahrscheinlichkeit jederzeit eintreffen konnte. Der Rückzug des vorzeitigen Todes hat ein hohes Alter zur Regel und gleichsam zu einem selbstverständlichen Teil der Normalbiographie gemacht - ein Vorgang, der in seiner Reichweite nicht zu überschätzen ist; denn erst dort, wo Menschen ein langes Leben erwarten dürfen, macht es Sinn, gesellschaftliche Normen über den Lebenslauf zu formulieren und in das einzelne Individuum zu "investieren"; Bildungs-, Karriere- und Lebensplanung sind nur sinnvoll, wo Menschen relativ verlässlich mit einer bestimmten Lebenszeit rechnen können."

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Zukünftige Entwicklung der Altersstruktur
Auszug: Hradil, Stefan 2000: Sozialer Wandel. Gesellschaftliche Entwicklungstrends. In: Schäfers, Bernhard Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, 2. Auflage, Opladen: Leske und Budrich, S.645f.

"Die Veränderung der Altersstruktur wird viel weitreichendere Folgen als der Bevölkerungsrückgang haben. Dies gilt vor allem für das jetzt einsetzende Einrücken der geburtschwachen Jahrgänge in das Erwerbsleben.
  1. Die Erwerbstätigen werden im Durchschnitt älter werden. Die Erstausbildung von immer mehr Arbeitenden wird immer länger zurückliegen. Dies wird angesichts eines schnellen technischen und ökonomischen Wandels Qualifikationsrückstände hervorrufen und immer mehr Weiterbildung nötig machen. Zudem wird bezweifelt, dass der Erfahrungsvorsprung der immer größeren Zahl älterer Arbeitender deren sinkende Anpassungs- und Mobilitätsbereitschaft ausgleichen wird.
  2. Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird ab sofort zurückgehen. Die Nachfrage nach Erwerbsarbeit wird aber wegen allmählich einsetzender Arbeitsmigration und steigender Erwerbsquoten von Frauen fürs Erste sogar noch leicht zunehmen und erst ab dem Jahre 2010 schrumpfen. Dieser Rückgang wird dann allerdings gravierend sein. Heutige Zuwanderungszahlen von gut 200.000 Menschen und erhöhte Erwerbsquoten in Zukunft vorausgesetzt, werden bis zum Jahre 2040 sieben bis acht Mio. Erwerbspersonen, d. h. ein Fünftel der heutigen, weniger zur Verfügung stehen. (...)
  3. Die Beitragszahler für Sozialleistungen werden zusammen mit dem sinkenden Erwerbspersonenpotenzial weniger werden, auch dann, wenn das Reservoir an Erwerbspersonen in Zukunft weiter als heute ausgeschöpft werden wird. Grundlegend hierfür ist das Verhältnis zwischen der Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter einerseits und der Zahl von Kindern und Jugendlichen (bis 19 J.) sowie der Zahl der Menschen im Rentenalter (ab 60 J.) andererseits. Dabei wird die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die auf 100 Erwerbsfähige kommt ("Jugendquotient") in den kommenden Jahrzehnten von derzeit 40 auf gut 30 leicht zurückgehen. Die Zahl der Menschen im Rentenalter, die auf 100 Erwerbsfähige entfällt ("Altenquotient"), wird sich bis 2015/2020 nur wenig von etwa 37 auf gut 40 erhöhen, dann bis 2030 aber drastisch steigen und selbst bei jährlich 200 - 300 Tausend Zuwanderern mehr als 60 erreichen. Insgesamt ("Gesamtquotient") wird im Jahre 2030 eine erwerbsfähige Person für mehr als eine weitere aufkommen müssen.
  4. Unter der Alterung der Bevölkerung Deutschlands im engeren Sinne versteht man die Zunahme des Anteils älterer Menschen (über 60 Jahre), Hochaltriger (über 70) und Hochbetagter (über 80). Die Alterung wird bis 2020 weiterhin allmählich zunehmen, von da an dramatisch in die Höhe gehen und bis 2030 ihren Höhepunkt erreichen. Zu diesem Zeitpunkt werden die geburtenstarken Jahrgänge alle im Renten- und die geburtenschwachen alle im Erwerbsalter sein. Bis 2030 wird der Bevölkerungsanteil der über 60-Jährigen von 21% auf 30% gestiegen sein. Der Bevölkerungsanteil der Hochbetagten wird 2035 von 4% auf 12% zugenommen haben. Zuwanderungen ändern hieran erstaunlich wenig. Die Alterung wird den gesamten Charakter der Gesellschaft beeinflussen, aber auch ganz besondere Belastungen für Gesundheitsversorgung und Alterssicherung mit sich bringen. Nach 2040 wird die Alterungsproblematik, anders als in der Öffentlichkeit oft angenommen, langsam wieder zurückgehen."
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Unterschiede in der Lebenserwartung
Auszug: Geißler, Rainer 2002: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung, 3. Auflage, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 60ff.

"In der DDR war die Lebenserwartung als wichtiger Indikator gesellschaftlicher Modernität hinter der Entwicklung in der Bundesrepublik zurückgeblieben; 1988 lag sie bei Männern 2,4 Jahre und bei Frauen 2,7 Jahre niedriger als in Westdeutschland. Die Unterschiede sind schwer erklärbar. Bislang mangelt es an eindeutigen Erkenntnissen. Eine Ursache stellt die deutlich höhere Selbstmordrate in der DDR dar. Diese lag bei durchschnittlich 2,8 und in der Bundesrepublik bei 2,0 pro 10.000 Einwohnern. Bemerkenswert ist jedoch die seit dem Ende der 80er Jahre rückläufige Suizidziffer. In den neuen Ländern lag sie 1997 mit 1,8 aber immer noch deutlich über den alten Ländern, wo sie 1,4 betrug.
Die jahrzehntelangen Defizite im Lebensstandard und in den Arbeits- und Umweltbedingungen dürften weitere Gründe sein. Unterschiede in den Ernährungsgewohnheiten und in der medizinischen Versorgung werden ebenfalls als Ursachen diskutiert, und auch die Wanderungsströme geraten ins Blickfeld: Es wird vermutet, dass die Gesunden und Robusten an den Auswanderungen überproportional beteiligt waren.
Das etwas kürzere Leben der Ostdeutschen gehört bis heute zum 'Erbe des Sozialismus', wenn auch die Unterschiede in der Lebenserwartung inzwischen zurückgegangen sind: Bei den Frauen sind sie 1997/1999 auf 0,75 Jahre geschrumpft (West 80,7 - Ost 80,0), und auch bei den Männern liegen sie mit 1,8 Jahren unter dem früheren Niveau (West 74,8 - Ost 73,0).

Zu den in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten demografischen Sachverhalten gehört die schon erwähnte, markant höhere Lebenserwartung der Frauen - ein Phänomen des 20. Jahrhunderts, das in allen modernen Gesellschaften beobachtet werden kann. Man hätte vermuten können, dass sich die geschlechtspezifischen Unterschiede im Zuge der Frauenemanzipation verringern; stattdessen ist das Gegenteil eingetreten: Sie leben nicht nur fort, sondern haben sich sogar noch verstärkt. In Westdeutschland vergrößerte sich die Differenz von 3,9 (1950) auf 6,1 Jahre (1998).

(...) Trotz der Ausweitung der sozialen Wohlfahrt in fast allen westeuropäischen Ländern sind die Ungleichheiten der Lebenserwartung bestehen geblieben; mehr noch: teilweise sind die schichtspezifischen Unterschiede von Gesundheit und Sterblichkeit in den letzten Jahrzehnten noch markanter geworden. Zahlreiche internationale Studien belegen, dass in allen europäischen Ländern die Lebenserwartung signifikant mit sozi-ökonomischen Faktoren wie Einkommen, Beruf und Bildung zusammenhängt. Im Klartext: Die Mitglieder der unteren Sozialschichten haben ein deutlich größeres Risiko vorzeitig zu sterben. Thomas Klein hat diesen Zusammenhang für Westdeutschland belegt: Die Lebenserwartung der Männer unterschiedlicher Sozialschichten divergiert um vier Jahre. Eine andere deutsche Untersuchung aus den 80er Jahren zeigt den Einfluss der Ausbildung: Universitätsabsolventen leben am längsten, Menschen ohne Schulabschluss sterben am schnellsten. Will man diese Ungleichheiten erklären, wird auf unterschiedliche Ursachen verwiesen. Es ist nahe liegend, die mit der Schichtungslage verbundenen ungleichen Arbeits- und Lebensbedingungen hervorzuheben. Ebenso plausibel ist es, auf die schichtspezifischen Unterschiede im Lebensstil, bei den Ernährungsgewohnheiten, im Risiko- und Gesundheitsverhalten hinzuweisen."

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Letzte Änderung: 05.08.2004