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Human Upgrade? Das Ziel ist das Ziel

Artikel vom 08.03.2017

Susanna Hertrich: Jacobsons's Fabulous Olfactometer 2014, © Susanna Hertrich (Blick in die Ausstellung)

Health-Apps, die unseren Gesundheitszustand überwachen. Medikamente, die Gesunde nehmen, um ihre geistige Leistungsfähigkeit zu optimieren. Prothesen, die uns ermöglichen, verlorene Gliedmaßen oder Sinne zu ersetzen. Mit denen aber auch bessere sportliche Leistungen erzielt oder genauer (hin)gehört werden kann als ohne. Die technologischen Möglichkeiten wachsen. Mit ihnen aber auch die Notwendigkeit, zu einer Einschätzung des Phänomens zu kommen, die sowohl die Sicht der Natur- und Lebenswissenschaften als auch der Geistes- und Sozialwissenschaften berücksichtigt. Von Oliver Quiring

Upgrade?

ICE Frankfurt-Berlin, Anfang Mai 2016. Der junge Chirurg im Sitz gegenüber rät mir, mein frisch verletztes Bein nicht zu beugen. Auf meine Entgegnung, dass es sowieso mit einer meiner Lieblingsbeschäftigungen – dem Wandern – mit zunehmendem Alter nicht leichter werden würde, seine mich bis heute irritierende Antwort: Bis ich wirklich alt sei, wäre die Robotik wohl soweit, dass ich „besser“ laufen würde als heute. Vorausgesetzt, das Herz mache mit. Aber auch das sei wohl zu regeln… Den Menschen verbessern. Der Wunsch, die eigenen Fähigkeiten, ja das eigene Leben und das seiner Nachkommen entscheidend zu verbessern, erscheint auf den ersten Blick nur allzu menschlich.

Vom Dada zur Industrie

Die Mittel dazu sind vielfältig. Die Idee, „den Menschen“ (! hier ist möglicherweise eine Fehlannahme verborgen) mittels technologischer Errungenschaften „zu verbessern“ (! hier ebenso), findet sich in der Kunst bereits prononciert in Raoul Hausmanns Werk „Tatlin lebt zu Hause“ (1920), einer Kombination aus Aquarell und Fotomontage, die allerlei Mechanisches im Kopf eines Mannes zeigt und dem Dadaismus zugerechnet wird. So futuristisch-naiv diese Vorstellung aus den 1920ern heute auch anmutet, sie war dennoch wissenschaftlich gerahmt: Sie fand ihr geistiges Zuhause zunächst in einer evolutionstheoretisch fundierten Denkrichtung, die in ihren positiven Ausprägungen menschliche Entwicklung durch Bildung und ausreichende Nahrung anstrebte, aber auch häufig unter dem Damoklesschwert der Eugenik argumentierte. Bezeichnenderweise fand die Idee des Transhumanismus mit Julian Huxley, der in einer heute wohl kaum wiederholbaren Karriere sowohl die Position des Generaldirektors der Londoner Zoologischen Gesellschaft als auch des ersten Generaldirektors der UNESCO und des Präsidenten der British Eugenics Society einnahm, einen ihrer prominentesten Vordenker. Die im Rahmen der ersten Jahrzehnte auftretenden gedanklichen Inkonsistenzen zeigen deutlich die Notwendigkeit einer interdisziplinären Beschäftigung, die über naturwissenschaftlich-technologische Überlegungen hinausreichen muss. Aktuell, so zumindest der Eindruck einiger Beobachter (zusammenfassend zum Beispiel Bostrom & Savulsecu 2008), erweist sich die Vielfalt der technischen Optionen als Treiber der Entwicklung.

Die ethische Dimension

Mit den technologischen Möglichkeiten wuchs aber auch die Intensität der ethischen Auseinandersetzung. (Zu) grob vereinfacht lassen sich folgende Sichtweisen auf das Human Upgrade festhalten: Die biokonservative Sichtweise vertritt die Position, dass der Mensch von Natur aus so beschaffen ist, wie er sein sollte und technologische Eingriffe vermieden oder zumindest stark reguliert werden sollten. Die bioliberale Sichtweise ist der Auffassung, dass Verbesserungsstreben in der Natur des Menschen liegt. Entsprechend hält sie es für falsch, auf vorhandene technologische Möglichkeiten zu verzichten. Der Transhumanismus als extreme Spielart der letzten Position vertritt schließlich, dass die Interessen und Werte der Menschheit zum Fortschritt verpflichten und strebt die Überwindung menschlicher Grenzen durch den Einsatz technologischer Verfahren aktiv an. Der Ausgang der Debatte ist offen.

Die feine Linie – Vom Individuum zur Population

Dennoch gibt es gute Argumente für eine schrittweise, eher vorsichtige Weiterentwicklung. So sehr der individuelle Wunsch nach einer Verbesserung der eigenen Fähigkeiten und Lebensumstände verständlich sein mag. Es ist nicht davon auszugehen, dass ein gesellschaftlicher Konsens – weder innerhalb bestehender Gesellschaften und schon gar nicht über verschiedene Kulturen hinweg – besteht, was als „Verbesserung“ anzusehen ist. Wird die „Weiterentwicklung“ zum gesellschaftlich verordneten Diktat, verfehlt sie ihr Ziel. Die Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben sind weder komplett absehbar noch mit Verweis auf die Vorzüge der Technologie abzutun. Hier kommen die Sozial- und Geisteswissenschaften ins Spiel und mit ihnen Fragen wie etwa der Ethik, der Fairness, der Machtgefälle und der Chancenverteilung.

Vom Ziel her denken – Fragen statt Antworten

Auch wenn Huxley in den 1950ern die Meinung vertrat, Evolution habe kein definiertes Ziel, fordert die Idee des Transhumanismus in Kombination mit den immens gewachsenen technologischen Möglichkeiten geradezu auf, zunächst zu differenzieren und dann vom Ziel her zu denken. Welche menschliche Fähigkeit soll verbessert werden? Was soll damit erreicht werden? Welche weiteren Folgen hat die bevölkerungsweite Implementation? Spätestens an dieser Stelle werden dann auch Fragen des Zugangs zur Technologie relevant: Wer entscheidet beispielsweise, wer sie nutzen darf, was sie kostet? Ohne eine interdisziplinäre Betrachtung werden sich diese Fragen nicht beantworten lassen.

Und so fällt eine Positionsbestimmung schwer. Hilfreich sind die Exponate von Susanna Hertrich und Hannes Wiedemann dabei allemal. Sie geben ein inneres Koordinatensystem vor, das sich in meinem Fall zwischen Ekel und Faszination bewegt.

Der Autor: Prof. Dr. Oliver Quiring ist Universitätssprofessor für Kommunikationswissenschaft am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem soziale, ökonomische und politische Kommunikation, Medienwandel und Medieninnovation. Er ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK).

Der Beitrag erschien zuerst im Katalog der Ausstellung „Human Upgrade“, die vom 14. Oktober 2016 bis 5. März 2017 in der Galerie der Schader-Stiftung gezeigt wurde.

Zum Weiterlesen

Nick Bostrom and Julian Savulescu, 2008: Introduction. Human Enhancement Ethics: the State of the Debate. In: Julian Savulescu & Nick Bostrom (Hrsg.): Human Enhancement, S. 1-22. New York: Oxford University Press.
Julian Huxley, 1957: New Bottles for New Wine. London: Chatto & Windus.
Julian Huxley, 1927: The Tissue-Culture King. In: Amazing Stories, 2(5), S. 451-459.
Alan Turing, 1950: Computing Machinery and Intelligence. In: Mind, 59(236), S. 433-460.